Kalkar in Köln, Bonn in Kalkar

Nicolai nun täglich zwei Stunden offen – Schnütgen-Museum zeigt ab 26. Juni Meister Arnt

Kalkar. Das hatten die Kommunionkinder noch nie gesehen und sogar die Kirchenführerinnen von St. Nicolai staunten nicht schlecht: Katharina Liebetrau und Jens Hofmann arbeiteten bei hellem Licht an zwei Figurengruppen aus dem untern Teil des Georgsaltars in der St.-Nicolai-Kirche. Die wunderlichen Gesichter und Kopfbedeckungen leuchteten wieder in hellen Farben, die vielen Nischen und Falten waren gereinigt und einige Abplatzungen ein wenig retuschiert. Der Staub der letzten 20 Jahre seit Wiedereröffnung von St. Nicolai wurde entfernt, um Schimmelbildung vorzubeugen. Friedrich Gorissen hätte seine Freude gehabt: Er hat in seiner ausgiebigen Monographie damals diese Stücke dem Marburger Meister Ludwig Jupan zuordnen können.

Eigentlich hätte Chadia Hammade an diesem Donnerstagabend mit ihrem WDR-Rucksack den beiden Restauratoren über die Schulter sehen wollen, musste aber im letzten Augenblick den Termin verschieben. Denn die anstehende Meister-Arnt-Ausstellung in Köln im Schnütgen-Museum zieht viel Aufmerksamkeit auf sich und hat jetzt eine klare Perspektive: Ab dem 25. Juni wird die bereits ab 1. April geplante Werkschau des großen Kalkarer und Zwollener Schnitzmeisters zu sehen sein. Einen wunderbaren Bildband mit Fachaufsätzen hat Guido de Werd mit dem Museumsleiter Dr. Moritz Woelk herausgebracht. Auf dem glänzt der Mittelteil des Georgsaltars im Titelbild. Denn den hat der Kirchenvorstand schon vor einem Jahr nach Köln gegeben zur Restauration bei den beiden oben genannten Bonner Fachleuten. In wochenlanger Kleinarbeit haben sie die historischen Farben freigelegt, die Punzierungen und Farbschichten wieder zum Glänzen gebracht und Stücke, die Küster Roland van Weegen noch wieder aufgefunden hat, an Ort und Stelle verbauen. Wer die Internetseite des Schnütgen-Museums öffnet mit der Ausstellungsankündigung sieht eine gut ausgeleuchtete Aufnahme, die auch die Ursula-Legende vor Kölner Skyline auf den Flügeln zeigt. Neben diesem ganzen Ensemble hat die Kirchengemeinde Heilig Geist auch einen Grabeschristus, eine Büste des Bischofs Eligius, drei Einsatzstücke vom Hochaltar und die „Goldene Madonna“ aus der Sakramentskapelle als Werke von Meister Arnt in die Kölner Schau gegeben. Zusammen mit 55 anderen Objekten z.T. aus Belgien, Paris, Niederlande oder England wird in Köln zum ersten Mal das heute noch verfügbare Werk des Bildschnitzers an einem Ort gezeigt.

Die kleine Heilig-Geist-Gemeinde freut sich über die große Beteiligung des Museums an den Kosten der Restaurierung und sieht so die Objekte wieder einmal in einen neuen Blick der Öffentlichkeit gestellt. Bei den gerade vor Ort in Kalkar von den Bonner Restauratoren behandelten Objekten handelt es sich um eine Gruppe der Grablegung Christi, das Martyrium des Bischofs Erasmus und eine Abbildung der „Gregorius-Messe“ mit den Kirchenvätern und den Leidenswerkzeugen Jesu. Neu ist die Feststellung, dass auch Meister Jupan wahrscheinlich mit mehreren verschiedenen Gesellen an diesem Altarteil gearbeitet haben muss, der früher zum Kreuzaltar in St. Nicolai gehörte. Spannend ist die Beobachtung der Kleidung, der Farben, der Gewandfalten, der Gesichter und der Kopfbedeckungen. Dass der Marburger Schnitzer, der zehn Jahre auf Einladung eines Kalkarer Goldschmieds den Hochaltar des Meister Arnt zwanzig  Jahre nach dessen Tod vollendete, seine Ausbildung eher im Osten erhalten hat, sieht man an den Köpfen und Gesichtern sehr schnell. Bei Licht betrachtet kommt Leben in die Gruppen und man erkennt die Vielfalt der Personen und Gesichter. Die beiden Restauratoren konnten die Zeit der Schließung von St. Nicolai für ihre tagelange Arbeit gut nutzen: Mittlerweile geben die Mitglieder der St.-Nikolaus-Bruderschaft mit ihrem ehrenamtlichen Dienst wieder die Möglichkeit, inmitten der hohen Kunst zum Gebet zu verweilen und die 10 Altäre, die biblischen Themen oder die 100 verschiedenen Heiligen zu betrachten. Von 14.00-16.00 Uhr ist die Kalkarer Pfarrkirche täglich geöffnet für Einzelbesucher mit entsprechender Hygiene-Ausstattung. Den Gruppen und Führungen ist der Besuch noch nicht möglich. Wie dem mittelalterlichen Menschen werden sowohl durch die Schau im Museum als auch durch die Betrachtung der in Kalkar verbliebenen Stücke die Glaubenskräfte aus der Betrachtung des Lebens der Heiligen spürbar. Georg wollte, dass die Stadt sich taufen ließ oder dass die Menschen wussten, dass Hoffnung und Treue, Wahrheit und Gerechtigkeit ein Panzer des Glaubens, ein Helm und Schutz für den Christen sind. „Zieht die Rüstung Gottes an“, „bekleidet euch mit Erbarmen und Recht“ und wie bei der heiligen Ursula „erwartet Christus, den Bräutigam“ eurer Seele, der euer ewiges Glück ist. Der Pfarrgemeinde ist es ein Anliegen, dass alte Glaubenswahrheiten nicht mehr als „verstaubt“ gelten, sondern bildhaft und klar vor Augen gestellt werden. Auch die beiden Restauratoren gaben den Kindern da gern einen nahen Einblick.