Pastor John Rwabunyoro schreibt uns am Weißen Sonntag

 

Auslegung zum Sonntagsevangelium am Weißensonntag
Von Pastor John Rwabunyoro 19.04.2020

Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Joh 20, 19-31

 

 

Liebe Gemeinde,

 

Jahr für Jahr hören wir am zweiten Ostersonntag das Evangelium vom sogenannten „ungläubigen Thomas”. Und, fast jede/r von uns kennt auswendig die Antwort  Jesu:  „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.”

 

So war es:  An Ostern, als Jesus bei seinen Apostel erscheint,  ist Thomas nicht dabei. Und nun später, als die andere Aposteln ihm erzählen dass der Herr auferstanden und ihnen erschienen ist,  verweigert Thomas zu glauben und verlangt:

„Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe
und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel
und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht”.

An Gott zu glauben oder nicht ist eine Frage, die die Geschichte der Menschheit immer beschäftigt hat.   Aus verschiedenen Gründen gibt es Menschen, die an Gott gar nicht glauben, und es gibt Menschen, die an Gott sehr einfach glauben können. Es gibt aber auch Menschen, die an Gott glauben, die aber dabei mit vielen Fragen und Zweifeln  ringen müssen. Vielleicht sind viele von uns unter diesen.

Der große Philosoph Bertrand Russell wurde auf seinem Sterbebett von einem Freund besucht, der ihn fragte: Du bist die meiste Zeit deines Lebens der berühmteste Atheist der Welt gewesen und jetzt bist du vor deinem Tod. Angenommen du  irrst dich, was würdest du Gott sagen, wenn du ihn treffen würdest und er dich fragt:  „Bertrand, warum hast du nicht an mich geglaubt?“ Bertrand antwortete: Ich würde ihn fragen: „Herr, warum hast Du uns nicht mehr Beweise für dich gegeben? Zu wenig Beweise, Herr, zu wenig.“

 

Es ist in der Natur des Menschen, ein sicheres Wissen zu wollen.    Heute würde ein genetischer Fingerabdruck zur Identitätsfeststellung gefordert. Je mehr Beweise desto besser, und es ist richtig so.

Vielleicht hätte Thomas auch zusätzliche Fingerabdrücke gefordert, wäre er in unserer Zeit gewesen.  Aber was will  Thomas eigentlich?  Thomas will besser glauben. Er bemüht sich um bessere Antworten und sein Zweifel ist keine Ablehnung des ganzen Glaubens. Er sucht einen persönlichen Zugang zum Glauben an die Auferstehung seines Herrn. Es ist nicht gesagt, ob er am Ende wirklich seine Finger in die Male der Nägel legt oder nicht. Am Ende des ganzen Geschehens sagt er nur : "Mein Herr und mein Gott!"

Thomas ist einer, in dem wir uns wiederfinden können.  Auch bei uns Gläubigen sind Zweifel, Fragen, Ratlosigkeit und Suchen immer Teil unseres Glaubens. 

Wie oft hätten denn nicht auch wir gerne ein Zeichen, das uns für unseren Glauben Gewissheit geben könnte: in Momenten der Trauer, der Enttäuschung, des persönlichen Scheiterns ... Und so sind wir doch in guter Gemeinschaft mit Thomas, denn es gibt Mut zu sehen, dass auch er, Apostel Jesu, in seinem Glauben wachsen musste.  

Entscheidend war:  Trotz seiner Zweifel und Fragen (Warum sein Herr ein solches Ende am Kreuz haben musste) ist Thomas bei der Gemeinschaft der Jünger geblieben. Und in ihrer Mitte ist er dem Auferstandenen begegnet.   Hätte Thomas die Gemeinschaft der Jünger verlassen und wäre bei der zweiten Erscheinung Jesu auch nicht dabei gewesen, wäre es dazu nicht gekommen, dass er gläubig bekennt: “Mein Herr und mein Gott”.

Die Kirche ist der Ort, wo wir unsere Fragen stellen können und sollen und wo der barmherzige Gott zu uns kommt, um  uns im Glauben zu stärken. In der Gemeinschaft der Kirche können wir alle –wie Thomas – Christus begegnen, und durch Gottes Gnade Hilfe bei unseren Zweifeln und Fragen finden.

Nehmen wir vielleicht in unsere Besinnung diese Woche folgende Fragen:

Wo habe ich Zweifel im Glauben?

Wo bin ich ein Thomas?

Wo finde ich Ratlosigkeit im Glauben?

Wo suche ich meine Antworten? 

 

Beten wir um Gottes Gnade, dass wir auch, wie Thomas,  zum Bekenntnis immer kommen: “Mein Herr und mein Gott”.