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Sonntags-Bildgedanken

Sonntagsbildgedanken 2020/2021

01. 5. Fastensonntag
02. Palmsonntag
03. Gründonnerstag
04. Karfreitag
05. Karsamstag
06. Ostern
07. Ostermontag
08. Weißer Sonntag
09. 3. Ostersonntag
10. 1 Mai
11. Marienmonat Mai
12. 4. Ostersonntag
13. 5. Ostersonntag
14. 6. Ostersonntag
15. Christi Himmelfahrt
16. 7. Ostersonntag
17. Pfingstsonntag
18. Pfingstmontag
19. Dreifaltigkeitssonntag
20. 11. Sonntag im Jahreskreis
21. 12. Sonntag im Jahreskreis
22. 13. Sonntag im Jahreskreis
23. 14. Sonntag im Jahreskreis
24. 15. Sonntag im Jahreskreis
25. Jakobustag am 25. Juli
26. 16. Sonntag im Jahreskreis
27. 17. Sonntag im Jahreskreis
28. 18. Sonntag im Jahreskreis
29. 19. Sonntag im Jahreskreis
30. 20. Sonntag im Jahreskreis
31. 21. Sonntag im Jahreskreis
32. 22. Sonntag im Jahreskreis
33. 23. Sonntag im Jahreskreis
34. 24. Sonntag im Jahreskreis
35. 25. Sonntag im Jahreskreis
36. 26. Sonntag im Jahreskreis
37. 27. Sonntag im Jahreskreis Erntedank
38. 28. Sonntag im Jahreskreis
39. 29. Sonntag im Jahreskreis
40. 30. Sonntag im Jahreskreis
41. 31. Sonntag im Jahreskreis Allerheiligen
42. 32. Sonntag im Jahreskreis
43. 33. Sonntag im Jahreskreis
44. 34. Sonntag im Jahreskreis, Christkönigsfest
45. 1. Advent
46. 2. Advent
47. 3. Advent
48. 4. Advent
49. Heiligabend
50. Weihnachten
51. 1.Sonntag nach Weihnachten
52. Neujahr
53. 2. Sonntag nach Weihnachten
54. Heilige Dreikönige
55. Taufe des Herrn
56. 2. Sonntag im Jahreskreis
57. 3. Sonntag im Jahreskreis
58. 4. Sonntag im Jahreskreis
59. 5. Sonntag im Jahreskreis
60. 6. Sonntag im Jahreskreis
61. Aschermittwoch
62. 1. Sonntag der Fastenzeit
63. 2. Sonntag der Fastenzeit
64. 3. Sonntag der Fastenzeit
65. 4. Sonntag der Fastenzeit

01. 5. Fastensonntag

© Alois van Doornick, Bild und Botschaft

102. Salvator. Deckenmalerei in St. Nicolai vor 1492

(Evangelium Joh 12, 22; 5. Fa. So. B; Joh 14, 6)

 

Im Bild

Mit einem Deckenbild aus St. Nicolai sei die Ankündigung Jesu aus dem 12. Kapitel bei Johannes unterlegt. „Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird.“ Inmitten blumiger Ranken ist der Auferstandene gezeigt, der mit Wunden an der Hand segnet und die Weltkugel, gekrönt von seinem Kreuz, uns hinhält. Das Kreuz in seinem Heiligenschein spricht von der Überwindung des Todes und der gewonnenen Herrlichkeit in Gott: „Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird. Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer sein Leben liebt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.“ „Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.“ Der lateinische Ausspruch Jesu im Spruchband steht in der Abschiedsrede Jesu (14, 6): „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ In einem Nachbarfeld dieses Gemäldes ist im Gewölbe ein Durchlass, durch den Quellen zufolge eine Christus-Figur sogar an Himmelfahrt in die Höhe gezogen oder an Pfingsten brennendes Stroh oder rote Rosenblätter als Feuer des Geistes herabgeworfen wurde.

 

Die Botschaft

Göttliches verbinden wir weiterhin mit „oben“, Höhe, Himmel, obwohl Gott in allen Dingen und in jedem Menschen und jedem Lebewesen und allen Pflanzen und überall in der Natur ist. Gern lassen wir Gott außer Reichweite und schieben ihn in die Höhe (weg), anstatt ihn in unserer Nähe zu erspüren: Die Bibel sagt es ja oft genug „Wer ist wie der HERR, unser Gott, der wohnt in der Höhe?“ (Ps 113, 5) Das Wort aus dem Epheserbrief schaut nach oben u n d auf die Erde: „ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist.“ (Eph 4,6)

Wir sollten Jesus als erhaben, heilig, erhoben und göttlich sehen, aber nicht dahin abschieben. Er wollte als Kind auf der Erde leben, bei den Kranken, Sündern und einfachen Leuten sein und sich aus dem Stallgeruch in Bethlehem und dem Staub des Kreuzweges und der Erniedrigung des Verbrechertodes nicht heraushalten. Johannes deutet den Platz der Erhöhung Jesu nicht zuerst auf die Himmelfahrt, sondern auf die Kreuzigung. Das ist seine Stunde, die er seit Kana kommen sah. Dort hat er seinen erhobenen Platz. Dort will er uns an sich ziehen! Mit verwundeten Händen! Er bringt seinen Selbsteinsatz ins Spiel. Das Bild vom absterbenden Weizenkorn beim Keimen in der Erde traf zu: Heute ist die Saat seines Lebens und seines Sterbens weltweit in vielerlei Frucht spürbar. Wie viele Märtyrer sind ihm buchstäblich gefolgt im Überlassen des eigenen Lebens.

Das Wort „Heiland“ hat einen schlechten Klang bekommen in unserer Welt. Der verwundete Erlöser hat für uns die Lösung! Der passionsbereite Christus liebt uns mit Leidenschaft. Die „kleine Therese“ von Lisieux, die in ihrer Krankheit und Jahre langen Bettlägerigkeit durch ihre Aufzeichnungen sogar zur Kirchenlehrerin erklärt wurde, wollte einen „kleinen Weg“ zum Himmel finden und versprach allen an ihrem Krankenbett: „Ich werde euch vom Himmel aus lieben!“ Sie wird dies von sich sagen können, weil sie den Erlöser so wahrnimmt in der täglichen Sorge für alle, die an ihn glauben. Christus ist Weg, Licht, Brot, Wahrheit, Tür, guter Hirte, Auferstehung, Leben … Und er beteiligt uns handfest. Er will nicht ohne uns, welch großes Wort, „die Welt retten“! „Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen und er wird noch größere als diese vollbringen, denn ich gehe zum Vater.“ (Joh 14, 12) Der „Misereor-Sonntag“ („Ich erbarme mich“) weist uns den Weg: Gottes Erbarmen will durch uns Hand und Fuß bekommen. Es geschehen in der Welt bereits „größere Werke“ als Jesus es konnte.

Christus will nicht von oben die Welt retten, sondern mit seinem eigenem Lebenseinsatz die Welt zur Barmherzigkeit befähigen und so immer und an vielen Orten Versöhnung und Frieden stiften.

Dietrich Bonhoeffer:Ecce homo - seht welch ein Mensch: In ihm geschah die Versöhnung der Welt mit Gott. Nicht durch Zertrümmerung, sondern durch Versöhnung wird die Welt überwunden. Nicht Ideale, Programme, nicht Gewissen, Pflicht, Verantwortung, Tugend, sondern ganz allein die vollkommene Liebe Gottes vermag der Wirklichkeit zu begegnen und sie zu überwinden. Die Liebe Gottes zur Welt zieht sich nicht aus der Wirklichkeit zurück. Am Leibe Jesu Christi tobt sich die Welt aus. Der Gemarterte aber vergibt der Welt ihre Sünde. So geschieht die Versöhnung. Ecce homo.“

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02. Palmsonntag

© Alois van Doornick, Bild und Botschaft

97. Im Namen des Kaisers gegen den König. Urteil des Pilatus, Hochaltar St. Nicolai Kalkar, Jan Joest, Öl auf Eichenholz 1508

(Evangelium Passionsgeschichten, hier bes. Mt 27)

 

Im Bild

Nur Matthäus überliefert die Nachricht vom Traum der Frau des Pilatus und dessen Handwaschung in Unschuld. Im Bild geht es nur um das Urteil im Namen des Kaisers über den König. Denn von der jüdischen Meute ist nichts zu sehen außer einem Grimassen schneidenden Büttel, der mit einem Soldaten in tadelloser modernster Uniform und Rüstung (um 1500) Jesus vor den Statthalter bringt. Pilatus sitzt auf einem in Stein gemeißelten Thron unter dem bekrönten Wappen des Kaisers im Heiligen römischen (!!) Reich deutscher Nation. Die weiße, zeitgenössische Lagett-Haube der Ehefrau oben und der Böses ahnen lassende Fuchs unten teilen das Bild. In der oberen Hälfte ist eine der frühesten Bruderschafts-Darstellungen, die man heute im Rijksmuseum bei den „Staalmeesters“ und in der „Nachtwache“ Rembrandts findet: Sogar auf einen schönen Fensterausblick verzichtet Jan Joest im vermauerten Hintergrund, um die Männer der den Altar stiftenden Liebfrauenbruderschaft ins rechte Bild zu setzen. Dabei müssen die „Alten“ links der Ehefrau noch identifiziert werden: Infrage kommt der alte Pastor Johannes Houdain, der Goldschmied Peter Rysermann, Johannes und Elisabeth Beckers (Jakobus-Altar) oder ähnliche Größen, Provisoren und Stiftungsverwalter. Der Junge mit der Waschschüssel hat Ähnlichkeit mit dem Engel, der das Gewand anreicht bei der Taufe Jesu. Und: Die Geschichte von der Bäckersfrau kann man, muss man nicht erzählen.

 

Die Deutung

1. Köpfe: In nicht wenigen seiner Bilder bündelt Jan Joest die dargestellten Köpfe auf einer Höhe im oberen Bildbereich. Der mit der Dornenkrone bedeckte, blutende Kopf Jesu verschwindet fast in der Vielzahl der wichtigen Häupter und neben der hellen Grimasse des Büttels. Da seine Hände gefesselt sind, treten nur die Hände des Büttels zum Vorschein. Bei so vielen Köpfen fällt uns natürlich das bereits seit 1230 bekannte „O Haupt voll Blut und Wunden“ (GL 289) ein, das wir nur in einer Fassung von Paul Gerhardt kennen: Was ging Jesus durch den Kopf? Was geht mir durch den Kopf beim Anblick des Urteils über Jesus? Er ist das Haupt (voll Blut …) und wir die Glieder am Leib Christi.

2. Urteile: Gerichts- und Gerechtigkeitsbilder waren beliebt für die jährlich wechselnden Bürgermeister und Richter in den Rathäusern als Mahnung. Sowohl im Kalkarer Rathaus als auch im Kalkarer Pfarrhaus gibt es noch heute je ein eindrucksvolles Gerichtsbild. Natürlich konnte nur der Landpfleger des Kaisers solche schweren Urteile sprechen: Aber musste er sich der Verurteilung Jesu als Gotteslästerer und Königsanwärter anschließen? Welchen Urteilen schließen wir uns in der Öffentlichkeit an? Wie schnell schwimmen wir mit im Mainstream? Wie schnell verkriechen wir uns hinter Bestimmungen und Gesetz, wenn Barmherzigkeit und handfeste Hilfe gefragt ist?

3. Vereinte Bruderschaft: Die Liebfrauenbruderschaft vereinte inklusive Klever Herzog reiche Junker, Kanoniker, Geschäftsleute des Umfeldes verschiedener Herrenhäuser (Boitzelaer, van Riswick) und studierter Familien. Paulus fragt: „Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi? Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot.“ Jesus ist in unserer Menschenhaut unterwegs und unser Bruder geworden: Leben wir die Brudergemeinschaft mit Jesus? Ist Jesus Mitglied unseres nächsten Bekanntenkreises? Oder stoßen wir ihn hinaus vor die Stadt in das tödliche Unbeachtet-Sein? Rückt uns Jesus zu sehr auf den Leib?

4. Kleider machen Leute: Jesus im „Gewand ohne Naht“ verschwindet zwischen den hohen Herrschaften, die sich „in Schale“ geworfen haben. Die Alten in Schwarz, Pilatus im Königsrot und der Soldat als Ritter erinnern an das Wort der Philosophin Simone Weil (+1943): „Der Held trägt eine Rüstung, der Heilige steht nackt.“ Was bedeuten uns Outfit und stylisches Auftreten? Wem trauen wir mehr: Den „betuchten“ Wortführern oder den Stillen im Land?

5. Jesus sagt: „Warum findet ihr nicht schon von selbst das rechte Urteil? Denn wenn du mit deinem Gegner zum Gericht gehst, bemüh dich noch auf dem Weg, dich mit ihm zu einigen! Sonst wird er dich vor den Richter schleppen. Ich sage dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du auch die letzte Münze bezahlt hast.“ (Lk 12, 57ff.)

6. Paulus sagt: Strebe vielmehr nach Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Glauben, Liebe, Standhaftigkeit und Sanftmut! Kämpfe den guten Kampf des Glaubens, ergreife das ewige Leben. Ich gebiete dir bei Gott, von dem alles Leben kommt, und bei Christus Jesus, der vor Pontius Pilatus das gute Bekenntnis abgelegt hat und als Zeuge dafür eingetretenist: Erfülle deinen Auftrag rein und ohne Tadel, bis zum Erscheinen Jesu Christi, unseres Herrn. (1 Tim 6, 11ff.) 7. Pilatus: Irgendwie schaut der hohe Herr nachdenklich an Jesus vorbei nach dem Urteil. Was denken wir jetzt?

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03. Gründonnerstag und Karfreitag

© Alois van Doornick, Kalkar: Bild und Botschaft

17. Der Leib und das Blut Christi. Kreuz Dominikanerkloster Kalkar, jetzt Nijmegen-Neerbos,  ca. 1510

(Evangelium Joh 19,25-30: Siehe, dein Sohn! Siehe, deine Mutter! Gründonnerstag / Karfreitag; 15.09.)

 

Im Bild.

Du zwischen Mutter und Freund, zwischen Mutter Kirche und Kirchenmann

Zwischen zwei Räubern, sogar einem reuigen

statt zwischen Jüngerinnen und Jüngern

Mit Dornenkrone und Kreuzesholz statt mit Königskrone und Ruhekissen

Krippe und Kreuz kein Holzweg bei dir

Mit Leib und Seele Mensch, ganz Mensch

Mit ausgestreckten Armen, wehrlos, die Welt umarmend

Schön dein Leib, trotz: „Keine Gestalt ist an ihm noch Schönheit“

 

Die Deutung.

Leib Christi. Nackt öffentlich zur Schau gestellt

nackt wie Adam, aus der Unschuld des Paradieses vertrieben

Nackt auch du, neu uns verhelfend zum Paradies des Himmels

 

Blut Christi. Rot-Schämen muss sich der Mensch seiner oft bewussten Lieblosigkeit und absondernden Sünde

Denen auf deiner Rechten öffnest du deine Seite:

„Kommt, nehmt das Reich in Besitz“, esst, trinkt, ihr Gesegneten meines Vaters

Blutrot überdeckst du das rote Schuldkonto des Menschen

Du beschenkst uns – Rot ist die Liebe – umsonst mit deiner Vergebung

Ist er umsonst, dein neuer Liebes-Bund mit deinem Herz-Blut?

Ist er umsonst, der erfrischende Wasser-Tauf-Strom deiner reinigenden Gnade?

 

Leib Christi. Zwischen Himmel und Erde ausgestreckt. Neuer König, wahrhaftig königlicher als der Krieger David

Wehrloser Friedensmann im Schrei nach Gott. Dornig gekrönt: Was geht dir, Haupt des Leibes, durch den Kopf?

Worüber weinen, wen suchen deine liebevollen Augen?

 

Offen dein Mund, dürstend nach Antwort. Auch auf die Frage: „Mein Gott, warum?“

Dich dürstet sehr nach der antwortenden Reaktion liebender Menschen

Offen dein Mund für so gute Worte, für so intensive Gebete:

„Heute noch wirst du mit mir im Paradies …“. „Gott, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht …“

„Vater, in deine Hände lege …“ Welche Predigt, welche Worte der Preisung auf deiner letzten Kanzel!

 

Leib Christi. Vorgebeugt, ganz zugewandt zu Maria und Johannes und uns allen

Sorgt füreinander, Mutter und Sohn! „Liebe deinen Nächsten!“, gerade den in deinem Haus

 

Leib Christi, Blut Christi. „Es ist vollbracht“. Du hast alles eingesetzt, vollendet vollbracht.

Mit ganzer Passion, ganz voller Leidenschaft. Du hauchst deinen Geist aus, du hauchst deinen Geist zu.

 

„Nehmt, esst“, nehmt mich auf, in euch auf. „Trinkt“, trinkt und lasst euch erfüllen, sagst du, weil du dein Werk, deine Welt heute mit Geist erfüllst mit Leib und Herz-Blut und Seele

und uns leibhaftig einverLEIBst – Leib Christi –, uns, deine Glieder, die manchmal gar nicht heiligen aber von dir geheiligten Christen deiner leidgeprüften Erde

 

IN RI-chtung

 

Himmel

 

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04. Ostern

© Alois van Doornick, Bild und Botschaft

112. Licht über der Finsternis. Fenster im Südschiff von St. Nicolai.

Karl Martin Hartmann 2020

(Evangelium: Ostern Gen 1,1 ff; Röm 6,3 ff.; Mk 16par)

 

Im Bild

Nach 23 Jahren der Planung und Sorge vieler Beteiligter konnte Karl Martin Hartmann im Frühjahr 2020 in den Glasstudios Derix/Taunusstein dieses letzte Fenster vollenden. Entgegen der Entwurfszeichnung stellte er einen in allen Fenstern einzigartigen Block dunklen Blaus ohne die überall verwendete weiße Rahmung massiv und mit echt-antik- statt des opalen Glases in den unteren Bereich. Nur hier scheint das Sonnenlicht durch das Glas, farbig wandernde Schatten werfend, hindurch, während überall sonst die Fenster das Licht nicht „durchlassen“, sondern erst ins sich aufnehmen und ohne Schattenwurf in den weiten Kirchenraum tragen. Der obere Bereich nimmt die gelb-grün-blau leuchtenden Motive der Schöpfung und des (blut-)roten Kreuzes auf.

Unten aber, so sagt es der Künstler, musste ich noch einmal Golgotha aufnehmen. Wie in einem Triptychon stehen drei unterschiedlich hohe Fensterbahnen wie die drei Kreuze auf Golgotha. Bei nahem Betrachten erkennt man hunderte unterschiedlicher kleiner Menschensymbole: Als bildeten sie eine Menschenkette der Vereinigung im oder gegen das Leid. Nur hier in den 22 Kalkarer Fenstern bricht die waagerecht/senkrechte Anordnung der variierenden Kleinstmotive sich wölbend, leidend, protestierend nach oben auf wie das Klagen und Stöhnen der leidenden Kreatur, der leidenden Menschheit, der leidenden durch Menschen bedrohten Natur.

 

Die Botschaft

Israel, das aus den zwölf Stämmen der Söhne Jakobs hervorging, hat in diesen beiden Namen ein Programm: „Jakob“, der zweitgeborene Zwilling heißt auf Deutsch „Fersenhalter“. Einer, der also von der ersten Sekunde auf der Welt „verbissen dranbleiben“ wollte. „Israel“ heißt „Gottesstreiter“. Aber das Energiepotential glaubender Menschen muss auch leben mit den Beschwernissen und Mängeln des Lebens: Jakob hinkte an seiner Hüfte seit seinem Kampf mit dem Engel. (Gen 32)

Gerade die Beschwernisse des Lebens namens „Sünde/Versuchung/Fehlverhalten“ sowie „Krankheit/Tod“ hat Jesus mit uns geteilt: Die biblischen Botschaften bezeugen: „Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift.“ (1 Kor 15, 3) Es gibt kein Osterzeugnis ohne Blick auf Schuld oder Tod. Er hat sein Blut vergossen „zur Vergebung der Sünden“. Der Christus der Osterbotschaft springt nicht als Topmodell aus dem Grab, sondern behält seine Wunden und steigt hinab in die „Unterwelt“, das Reich des Todes. Der Ostertag ist nicht einfach  lichtdurchflutet über dem Chaos dieser Welt, sondern umgreift unsere ganze Wirklichkeit. Der Apostel Thomas greift genau deshalb nach den Wunden! Auch kein „Gottesstreiter“ geht unverletzt durch die Welt, kein Christ kann sich aus dem Schuldigwerden und dem Sterben-Müssen heraushalten. Eine zerbeulte Kirche, die zu den Menschen geht, ist Papst Franziskus lieber als eine sitzende Kirche, die von Ferne Vorschriften macht.

So kann es auch ein österliches Fenster „mit Tiefgang“ nur geben mit gleichzeitiger Präsenz des Dunklen. In diesem Dunkel sind es die über 600 „Lichtgestalten“, die sich gegen den „Daseinsdruck“ stemmen, die bereit sind, mit einzutauchen in das „Daseinsdunkel“. Christen retten sich nicht auf eine glückliche Halleluja-Insel, sondern lassen sich weizenkornartig ausstreuen, damit später Neues vielfältig wächst: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.“ (Joh 16, 33)

Am Ostermorgen wird den Frauen nicht der Überlebende erklärt, sondern: „Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten … Er geht euch voraus …“ (Mk 16, 6f) Das Kreuz bleibt der Christen Symbol, nicht der Heiligenschein oder die Siegesfahne. Der Weg kann nicht sein, sich aus dem Dunklen herauszuhalten, sondern mit allen im Dunkel sich dem Himmel entgegen zu stemmen. Im Gottesknechtslied des Jesaja (Jes 53, 5) steht: „Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.“: Der Apostel greift das auf: „Er hat unsere Sünden mit seinem eigenen Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot sind für die Sünden und leben für die Gerechtigkeit. Durch seine Wunden seid ihr geheilt.“ (1 Petr 2, 24) Wie gesagt: Jakob-Israel war hinkend unterwegs. Die Kirche und die Christen heute sind es auch. Aber sie haben einen passionsbereiten Erlöser gefunden. Zum Glück!

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05. Weißer Sonntag

© Alois van Doornick, Bild und Botschaft

116. Das Wunder begreifen. Christus und Thomas, rechte obere Randkehlen im Hochaltar St. Nicolai Kalkar, Ludwig Jupan, 1500

(Evangelium: 3.07., Weißensonntag bzw.

2. Ostersonntag ABC, Joh 20, 19-31)

 

Im Bild

Die zwölf Auferstehungserscheinungen Jesu in den Randkehlen im Eiche-geschnitzten Passionsaltar hat nach dem Entwurf von Meister Arnt Ludwig Jupan aus Marburg vollendet und auch aus nichtbiblischen Quellen Szenen dargestellt. Zehn Jünger – ohne Judas und Thomas - sind beim ersten Mal in einem verschlossenen Raum mit Fenstern im Hintergrund dabei. Acht Tage darauf lädt Jesus vor dem Hintergrund von Bäumen und Häusern Thomas ein im gleichen, dieses Mal mit einer Tür versehenen Raum, in seine Wunden zu fassen, um seine Gegenwart tatsächlich zu „begreifen“. Ob Thomas dies wirklich getan hat, lässt die Bibel im Gegensatz zum geschnitzten Bild offen. In beiden Bildern zeigt sich Christus mit geöffnetem Mantel rechts am Bildrand. Während im ersten Bild die Jünger im Kreis auf Augenhöhe mit Jesus stehen, kniet im zweiten Bild Thomas vor Jesus in respektvollem Abstand nieder mit der anbetenden Geste „Mein Herr und mein Gott!“.

 

Die Botschaft

Ausdrücklich spricht Johannes im Text von einer Art „Sonntag“ als dem „ersten Tag der Woche“, wie er bei der Thomasbegegnung explizit von „acht Tage darauf“ spricht. Damit setzt sich die Christengemeinde von der Sabbat-Feier der Juden mit eigenem Duktus ab und stellt die Feier der Auferstehung Jesu als Novum an den Beginn der neuen Schöpfungswoche als dem achten Tag. Somit geschehen die ersten beiden Erscheinungen Jesu bei Maria Magdalena (19, 1-18) und im Kreis der Zehn gleich am Tag nach der Grabesruhe, während die Begegnung der Elf mit Thomas schon eine Art regelmäßiges Wochentreffen am „Sonntag“ alle acht Tage vorauszusetzen scheint.

Eine Rolle spielt zunächst das Thema „aus Furcht vor den Juden“, sodann die Beruhigung Jesu mit seinem Friedensgruß. Das Dritte ist der Geistempfang und das Vierte die Übertragung der Gewalt des Sündennachlassens. Somit rudert Thomas mit seiner Fragestellung nach der Identität des Erscheinenden mit dem am Kreuz gestorbenen Jesus eigentlich und sinnvoller Weise zurück: Er will es wissen, bevor er Neues vom Meister entgegennimmt. Damit wird er wie in Joh 14, 5 erneut zum Nachfragenden „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen?“ Wer das Thomas-Evangelium nur als Bezeugung der Realität des Auferstandenen sieht, greift zu kurz: Jesus will allen seinen Freunden, auch dem Letzten zuerst den Frieden ins Herz legen, sodann mit seinem Geist befähigen und drittens zum Aussprechen der Sündenvergebung beauftragen.

Das Vierte ist die Anbetung Jesu als Gottes Sohn. Dabei bleibt der Auferstandene ein „Verwundeter“: Das Zeichen der Christen werden das Kreuz und die Wundmale bleiben, nicht die Siegesfahne oder der Heiligenschein! Das identitätsstiftende Merkmal ist nicht das Überleben aus dem Tod, sondern sind die Wunden der Seite und der Hände. Ob Thomas die Einladung zum „Begreifen“ angenommen hat, lässt die Bibel zum Glück aus Respekt vor der Form der Auferstehungsgestalt Jesu offen, obwohl der Evangelist später auch das gemeinsame Essen herausstellt als Beweis seiner Gegenwart.

Die vier Fragen also an uns: Wo empfinde ich Frieden, wenn ich mich auf Jesus einlasse? Zu was sendet mich Jesus mit seinem Geist? Ist mein Handeln von Nachsicht, Vergebung und Verzeihung geprägt als Deeskalation von Streit und Unfrieden? Wie oft wende ich mich dankbar für seine Passion, für seine Wunden anbetend an Jesus: „Mein Herr und mein Gott!“
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3. Juli: Thomas, den „Zweifler“, als Namenspatron?

Kennst Menschen du wohl, sind dir irgend bekannt
Personen, für die als Patron ist benannt
St. Thomas, der Zweifler, mit sprechendem Namen:

Du wirst keine finden, die solchen bekamen.

Denn Peter, Johannes, Matthias, Jakob,

so klingt namensecht apostolisches Lob.

Doch Thomas man meidet als Eltern doch gern –

warum nur, warum hält man davon sich fern?

 

Der wollt nur mehr wissen und fragte dann nach,

wollt fühlen, es „fassen“, sein Auge war wach.

So wissen wir heute, dass wirklich war wahr,

dass Jesus persönlich mit Wunden stand da.

Und der gab ihm Weisung und der macht ihm Mut,

„begriffen“ hat er den Erstandenen gut.

 

Und besser als andere konnt beten er dort -

„Mein Herr und mein Gott!“ ist auch uns richt‘ges Wort.

Dass wir stets begreifen, nachfragen, verstehn,

dafür als Patron lässt St. Thomas sich sehn.

Dass neu nach Gott fragen wir, beten auch gut:

zum ständigen Suchen gibt Jesus uns Mut.

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Ehe+Jubliäen