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Sonntags-Bildgedanken

31. 21. Sonntag im Jahreskreis

© Alois van Doornick, Kalkar: Bild und Botschaft

67. Sohn des lebendigen Gottes. Verklärung Christi, Jan Joest, St. Nicolai Kalkar, 1509

(Evangelium Mt 17 Verklärung, 2. Fastens. A; Mt 16,13-20: 21 So. A)

 

Im Bild

Vor einer niederrheinischen bewölkten Landschaft erscheint der verklärte Christus segnend in einer Lichtmandorla. Sie erinnert an den Marienleuchter der Jesus-Präsentation als Kind und Menschensohn. Gottvater ist auch über ihm in einer kleinen hellen Licht-Wolkenlücke angedeutet. Links und rechts blicken in einer Halbbüste Mose mit den Gebote-Tafeln und Elija mit der Propheten-Schrift auf Christus. Jakobus im Purpur des vermeintlichen „Herrenbruders“ links betet und flieht fast. Der jugendliche Johannes richtet sich als „Lieblingsjünger“ am meisten auf in seinem grünen Gewand der Hoffnung. Am massivsten wirkt das Rot der Liebe („Petrus liebst du mich? Joh 21) im Gewand des Petrus, das zudem aus dem „Felsen“ (Petrus = Fels) hervorwächst bzw. sich darin fortsetzt, wie auch die sich aufstützende Hand des Johannes dies hinweisend anzeigt. Dass Petrus in diesem Bild als der neue Moses und „Führer“ des Volkes vorgestellt wird, wird aus der diagonalen Linie zur „Mose-Seite“ deutlich, was den kreuzestreuen Johannes auch in seiner „Aufrichtigkeit“ hervorgehoben noch einmal Jesus näher bringt. Die Bergszene der Verklärung wird auch mit dem brennenden Dornbusch-Erlebnis der Beauftragung des Mose durch die unten betont gezeigten nackten Füße verbunden: Heiliger Boden! (vgl. Ex 3) Wie im Pfingstbild mit dem Fuß des Johannes erhält die Szene damit sowohl eine Mittelachse und als auch eine Erdung. Der nackte Fuß, auf den sogar der Daumen des Petrus zeigt, könnte auch auf den Missionsbefehl Jesu hinweisen: „Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg, kein zweites Hemd, keine Schuhe, keinen Wanderstab, denn wer arbeitet ist seines Lohnes wert …“ (Mt 10.10). Das kleine niederrheinische Haus über Johannes könnte verweisen auf „und er nahm Maria zu sich“ ins Haus nach der Kreuzigung (Joh 19,27).

 

Die Botschaft

Nach dem Wort des Vaters „Dies ist mein geliebter Sohn!“ hatten sich die Jünger auf den Boden geworfen vor Angst. Hier ist der Moment bezeichnet, wo sie aufschauend fast wie aus Gräbern auferstehen. Schließlich geht es ja um die Auferstehungs-Vorausschau und Auferstehungsankündigung Jesu! Das weiße Tuch des Johannes rechts wirkt wie das Leichentuch des Lazarus im Grabe. Das Erschrecken ähnelt dem der Wächter im Auferstehungsbild des Jan Joest, wie der Felsen dem Felsengrab gleicht.

Die Zusammenschau der beiden Kapitel 16 und 17 bei Matthäus bringt den Jüngern und uns dichte Erkenntnisse über die Rolle des Christus, des Messias, des Gesalbten Gottes. Der vorschnelle Petrus muss mit seinem wie auswendig gelernten Bekenntnis „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ erst noch an die Kreuzigungserdung der Messias-Sendung und an die Passionsnotwendigkeit erinnert werden. Das Kreuz liegt auch der Bildstruktur zugrunde. Das Bildidyll lässt allerdings die späteren Schreie Jesu am Kreuz nach Gott nicht ahnen.

Mich begeistert im Bild die doppelte Botschaft vom Aufstehen und Losgehen der gesandten Jünger unter der Führung des wankelmütigen „Felsen“ Petrus und die Dynamik der Auferstehung, die vom Verklärten auf die unten sich gerade erst erhebenden Jünger übergeht. Mich begeistern auch die vielen eingearbeiteten biblischen Anklänge:

  • Gott, sieh her auf unseren Schild, schau auf das Angesicht deines Gesalbten! (Psalm 84, 10)
  • Erhebt den HERRN, unsern Gott, werft euch nieder an seinem heiligen Berg! Denn der HERR, unser Gott, ist heilig! (Psalm 99, 9)
  • Wenn dies beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe. (Lk 21, 28)
  • Doch ich (Paulus) habe Gottes Hilfe erfahren bis zum heutigen Tag; so stehe ich da als Zeuge für Groß und Klein und sage nichts anderes als das, was nach dem Wort der Propheten und des Mose geschehen soll: dass der Christus leiden müsse und dass er, als Erster von den Toten auferstanden, dem Volk und den Heiden ein Licht verkünden werde. (Apg 26, 22f.)
  • Denn alles Erleuchtete ist Licht. Deshalb heißt es: Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten und Christus wird dein Licht sein. (Eph 5, 14)
  • Ich werde ihm den Schlüssel des Hauses David auf die Schulter legen. Er wird öffnen und niemand ist da, der schließt; er wird schließen und niemand ist da, der öffnet. Ich werde ihn als Pflock an einer festen Stelle einschlagen und er wird zum Thron der Ehre für sein Vaterhaus. (Jes 22, 21)
  • Die Frau sagte zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, der Christus heißt. Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden. Da sagte Jesus zu ihr: Ich bin es, der mit dir spricht. (Joh 4, 25 f.)

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32. 22. Sonntag im Jahreskreis

© Alois van Doornick, Kalkar: Bild und Botschaft

68. Hinter Jesus. Fünfte Kreuzwegstation St. Nicolai, Ferdinand Langenberg, Goch, 1897-99, Eiche geschnitzt

(Evangelium 22. So. Mt 16,21-27; Lk 23,26; Kreuzweg)

 

Im Bild

Am Ende des 17. Jh. und besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jh. wurde es frömmigkeitsgeschichtlich modern, die Passion Jesu in 14 Szenen in allen Kirchen für die Verehrung des Volkes bildlich darzustellen, so dann auch in Kalkar, nachdem schon in Kevelaer 1877 der Große Kreuzweg in 14 Kapellen präsentiert wurde. Guido de Werd weist nach, dass Ferdinand Langenberg sich für die Szenen in der Passionskapelle von St. Nicolai am Ambiente des Marienaltars und an Szenen des Hochaltars orientiert hat und einzelne Motive übernahm. Das Individuelle der Gesichter und Kleidung bis hin zu den Schuhen, die Gestaltung der Hintergründe und Bauten sowie die Rahmenfassung sind dem Gotischen detailliert nachgebildet. Die Figuren stehen einzeln und prägnant. Der Hass der Soldaten auf Jesus und Simon finden deutlich Ausdruck. Jesus sind die unter dem Gewand verhüllten Hände gebunden, eine bisher unbekannte Variante der Darstellung. Jesus schaut dem Soldaten intensiv in die Augen. Im Gegensatz zum gebeugten Jesus steht Simon selbstbewusst, stark und aufrecht, als ihm an dessen Stelle das massive Kreuz aufgeladen wird. Erkennt man oben rechts in dem langhaarigen jungen Mann mit dem Barett Langenberg selbst wie in den Bildern von Jan Joest die Gesellen und den Maler mit der Künstler-Kappe?

 

Die Botschaft

„Als sie Jesus hinausführten, ergriffen sie Simon, einen Mann aus Kyrene, der gerade vom Feld kam. Ihm luden sie das Kreuz auf, damit er es hinter Jesus hertrage.“ (Lk 23,26) Was Lukas in einem Satz beschreibt, steht bei Markus ähnlich kurz: „Einen Mann, der gerade vom Feld kam, Simon von Kyrene, den Vater des Alexander und des Rufus, zwangen sie, sein Kreuz zu tragen.“ (Mk 15,21; vgl. Mt 27,32) Somit hat Ferdinand Langenberg biblisch besser ins Bild gebracht, was im Hochaltar von St. Nicolai noch anders aussieht: Simon aus Kyrene, gerade vom Feld unterwegs, trägt gezwungenermaßen nicht mit, sondern anstelle von Jesus das Kreuz. Er trägt das ganze Kreuz. Vermutlich hat er also wenn nicht den ganzen Weg, so doch die meiste Wegstrecke für Jesus das Kreuz geschleppt. So wird hier eigentlich das Jesuswort abgebildet: „Wer nicht sein Kreuz trägt und hinter mir hergeht, der kann nicht mein Jünger sein.“ (Lk 14,27) Der Hebräerbrief lädt ein, dass wir „dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens; er hat angesichts der vor ihm liegenden Freude das Kreuz auf sich genommen, ohne auf die Schande zu achten, und sich zur Rechten von Gottes Thron gesetzt. (Hebr. 12,2)

Petrus hatte nach der Messias-Frage fast wie auswendig gelernt sich zu Jesus bekannt, als dieser aber vom Kreuztragen anfing, sich dagegengestellt. Ungewöhnlich scharf nennt ihn Jesus einen Satan, wenn er ihn von diesem Ziel abbringen will: „Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ (Mt 16,23) Er lädt zur unbedingten Kreuzesnachfolge ein und fährt fort: „Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“ – „Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft.“, mahnt ähnlich der Apostel (1 Kor 1,18) und gerät selbst als römischer Gefangener ins Martyrium.

„Gott ist nicht nett“, titelt der Ordensmann und heutige Bischof Heiner Wilmer 2013. Das 21. Jahrhundert wird nicht mehr nur den „süßen Jesus“ oder den „lieben Gott“ predigen können, sondern eher die Leiden in der Kirche und den Gegenwind der Zeit spüren. Karl Leisners „Jesus: Du bist meine Leidenschaft“ bezog die Leidensbereitschaft in Dachau ein. Eine Jesusgemeinschaft geht nicht schmerzfrei, eine Gottesfreundschaft geht nicht ohne „Passion“ im doppelten Sinn: Ein Mensch im passionierten Einsatz im Reich Gottes muss sich die Hände schmutzig machen und Ärger aushalten, muss eigene Ziele zurückstecken und als Christ einiges „auf sich nehmen“.

Vielleicht muss man mit dem eigenen Kreuz auch die Begrenztheit des eigenen Ichs zuerst ertragen lernen, bevor man anderen hilft, ihre Kreuze zu tragen. Jesus will uns damit zunächst auf das Meistern der eigenen Lebensfragen hinweisen. Das impliziert auch das, wofür er den Kreuzweg geht und sein Blut vergießt: Zur Vergebung der Sünden der Menschheit. Er meint den Balken in unseren eigenen Augen. Das Stehen zu den Fehlstellen der Liebe.

Zudem stellt er uns in die zweite Reihe: „Hinter  mich!“ Wie wenig steht Jesus bei uns im Vordergrund unserer Tagesordnung und unserer Absichten. Wie groß schreiben wir unser „Ego“ im Alltag, im Beruf, in der Familie?

Bitten wir am besten Jesus selbst wie Philipp Neri, damit wir nicht nur die netten Seiten des Herrn wahrnehmen: „Ich suche dich und ich finde dich nicht; komm zu mir, mein Jesus. Ich werde dich niemals lieben, wenn du mir nicht hilfst, mein Jesus. Zerschneide meine Fesseln, wenn Du mich haben willst, mein Jesus. Jesus sei mir Jesus.“

 

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33. 23. Sonntag im Jahreskreis

© Alois van Doornick, Kalkar: Bild und Botschaft

69. Zwei oder Drei: Balsam der Versöhnung. Dreifaltigkeitsaltar,

St. Nicolai Kalkar, Arnt van Tricht um 1535-40, Eiche

(Evangelium 22. So. A Mt 18,15-20 oder Fest 29. Juni)

 

Im Bild

Seinen Namen hat der Kalkarer Dreifaltigkeitsaltar von der Darstellung der Wirksamkeit von Vater, Sohn und Geist bei der Taufe Jesu im Jordan von Engeln umrahmt oben hoch im Auszug des Renaissance-Altars. Petrus, Maria Magdalena und Paulus werden vor großen Muscheln und zwischen puttengefülltem Maß- und Strebewerk gezeigt. Die beiden trennenden Renaissance-Säulchen zeigen vermutlich das Stifterehepaar van Riswick, worauf auch oben ein Wappenschild verweist. Gegenüber Douvermanns Maria Magdalena vom Nordschiff haben die drei Figuren deutlich vermehrte Gewanddrapierungen, hervorstehende Falten und individuellere Züge der Bewegungen und Gesichter. Bürgerlicher Reichtum und bürgerschaftliches Selbstbewusstsein kommen hier zur Sprache im „Trio“ aus den beiden Spitzenaposteln für ihr jeweiliges Gebiet im alten Judentum Petrus und in der „Heiden“-Mission Paulus und der „schönsten Frau Kalkars“ als die als vermeintliche Sünderin bekehrte erste Apostolin und Auferstehungszeugin für die Zwölf Maria Magdalena.

 

Die Botschaft

Nie darf man bei Altarbildern vergessen, dass sie der heiligen Messe dienen und damit der Verkündigung des Wortes und des Evangeliums sowie der Feier des gewandelten Leibes und Blutes Christi. Wandlung ist ein großes Thema dieser Drei. Die drei Heiligen verkündigen von ihren Lebenshintergründen her den lebensumwandelnden Christus: Simon, der verwandelt zum Fels Petrus wurde, erzählt hier all die Geschichten, die ein leicht zu begeisternder, aber wankelmütiger einfacher Fischer vom See mit seinem Jesus erlebt hat: Berufung, Seewandel, Messias-Frage, Schlüsselübergabe, Verklärungserlebnis, Ölberggebet, Verrat mit Hahnenschrei „Liebst-du-mich-Fragen“, etc. Der gebildete Theologe („Nehmt das Schwert des Geistes“), Zeltmacher und Christenverfolger Saulus wird gewandelt zum hochengagierten, reisenden Missionar, Briefeschreiber und Mittelmeer-Netzwerker in den neuen Christengemeinden der Türkei, Griechenlands bis Rom. Der Apostel Barnabas arrangiert die große Versöhnungsgeste zwischen Paulus, Petrus und der Urgemeinde (Apg 15). Die in der Theologiegeschichte von Jesus liebevoll behandelte und als „Sünderin“ titulierte Maria Magdalena wandelt sich in eine Auferstehungsbotin für die Männerrunde der Zwölf durch ihre Salbung des Gesalbten Gottes (Messias=Christus=Gesalbter). Sie steht nicht zufällig hier wie versöhnend durch den Chrisam und ihr weibliches Wesen zwischen den beiden Vertretern für Judenchristentum und Heidenchristentum, Amt und Charisma, Leitung und Inspiration, Gesetzesbefolgung und Herzensglaube.

Spannende, spannungsreiche Geschichten können so drei sehr bewegte „Statuen“ in Erinnerung bringen. An allen Dreien wird aus ihrer Biographie ein verwandelnder Versöhnungsweg und damit das Christentum als die Menschen mit Gott und untereinander versöhnende Kraft dargestellt. Jesus kümmert sich einzeln um jeden von ihnen. Er ist der von Gott beauftragte Versöhner für die „Sünde der Welt“, der Leib und Leben am Kreuz einsetzt zur Vergebung der Sünden: „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, … Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein. Weiter sage ich euch: Was auch immer zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,15-20)

Im Altar stehen mit den drei Spitzenaposteln zwei oder drei Fürbitter, die mit uns feiern, dass Jesus in der Messe und bei gemeinsam Betenden mitten „unter uns“ ist. Es geht aber Jesus um unsere Wandlung zu friedvollen, liebenden Menschen. Dies wird mir deutlich, so zeigt Jesus Versöhnungswege auf, die er auch selbst so lebte:

  • Wenn ein anderer an mir schuldig wird, bin ich in der Verpflichtung zum ersten Schritt, nicht der andere.
  • Vor versammelter Mannschaft darf ich niemanden „abkanzeln“ oder bloßstellen.
  • Ich darf nur diesen einen Punkt und den mit aller Liebe besprechen, nicht was ich „immer schon“ sagen wollte.
  • Im zweiten oder dritten Anlauf kann ich Beratende und mit der Sache Vertraute dazu ziehen.
  • In allen Sachen und Streitpunkten des Alltags kann ich auch die großen Heiligen als Zeugen (= Märtyrer!) um Rat,

Gehör und Fürbitte fragen, ich kann um Gottes Geist beten, bevor ich an die Öffentlichkeit gehe.

  • Im Gebet wird meine angepasste Handlungsweise und meine Versöhnungsbereitschaft wachsen können.
  • Ich muss mir immer bewusst sein, dass ich nicht nur die Wandlung des Anderen, sondern meine Wandlung will.

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34. 24. Sonntag im Jahreskreis

© Alois van Doornick, Kalkar: Bild und Botschaft

70. Vergebens vergeben? Die Heiligen Alfons von Liguori und Bernhard von Clairvaux im Kirchenfenster von St. Peter und Paul Grieth.

Entwurf Friedrich Stummel. Glasmalerei Derix, Kevelaer, ca.1904. (Evangelium 24. So. Mt. 18, 21-35)

 

Im Bild

Auf grünem Blatthintergrund zeigen sich die beiden großen Predigergestalten im seitlichen Fenster der Taufkapelle in einem schnörkelreichen neugotischen Schmuckfenster. Die Nachbarfenster sind Marienfenster und verweisen auf die Marienfrömmigkeit der Gemeinde und den Titel des ehemaligen Krankenhauses und heutigen Seniorenheims St. Marien. Alfons von Liguori (1696-1787) verehrte die „Mutter vom guten Rat“; sein Orden verbreitete in vielen unserer Kirchen das Bild von der „Immerwährenden Hilfe“. Die beiden Heiligen waren große Marienverehrer. Sie stehen in der Geschichte der Kirche aber auch da als die großen Prediger der Erneuerung, der Buße und der Versöhnung. Der Wiederbegründer und Reformer der Zisterzienser Bernhard (1190-1253) hat Kreuzzüge gepredigt, Päpste beraten und mit Bienenfleiß und Eloquenz (der Bienenkorb sein Zeichen) die Menschen aufgerüttelt und bekehrt. Bernhard: „Ein von Zorn getrübtes Auge sieht nicht mehr, was recht oder unrecht ist.“ Alfonsgilt als Begründer des Volksmissionsordens der Redemptoristen und einer barmherzigen Beichtpraxis. In seinen letzten 13 Lebensjahren wurde er Bischof. 1950 wurde er von Papst Pius XII. zum Patron der Beichtväter und zum Kirchenlehrer ernannt. Alfons: „Mit der Demut und Einfalt eines Kindes müssen wir unsere Vernunft den Wahrheiten des Glaubens unterwerfen.“ Und: „Ich muss mich mit den Tugenden Jesu bekleiden”.

 

Die Botschaft

Die beiden großen Prediger sind in die Schule Jesu gegangen. Jesus hat mit seinen lebensnahen Gleichnissen oft mehr ausdrücken können, als andere in langen Vorträgen oder dicken Büchern. An diesem 24. und den kommenden Sonntagen im Jahreskreis A dürfen wir wieder davon profitieren. Siebenmal vergeben ist schon soviel wie immer. Siebzigmal siebenmal ist „immer immer“. Zehntausend Talente sind unvorstellbare 600.000.000 Denare im Verhältnis zu 100 Denaren des zweiten Schuldners, wobei für „Leiharbeiter“ ein Denar der Tagessatz war (Mt 20). Kommt hier zum Ausdruck, dass Jesus den Schuldbrief der ganzen Welt durchgestrichen hat durch seinen Tod und seine Hingabe am Kreuz und seine Abendmahlsstiftung „zur Vergebung der Sünden“: „Gott aber hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht und uns alle Sünden vergeben. Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben. Er hat ihn dadurch getilgt, dass er ihn an das Kreuz geheftet hat.“ (Kol 2,14)? Müssen nicht auch wir mit unseren Mitmenschen Erbarmen haben, wie Gott mit uns Erbarmen hat? Da gilt die große Vorgabe Gottes, damit wir Kleinigkeiten anderen vergeben können.

Das Lebensgefühl, vor Gott und den Mitmenschen nie ohne Schuld dazustehen, ohne Ausrede „von Natur“ aus ein Sünder zu sein oder mit der Frage Luthers zu leben „Wie finde ich einen gnädigen Gott?“ ist uns Heutigen fast gänzlich verloren. Das freiheitliche Selbstbewusstsein mag sich nicht in Abhängigkeiten stellen. Rührt uns so ein Wort Jesu noch: „Ich sage euch aber: Über jedes unnütze Wort, das die Menschen reden, werden sie am Tag des Gerichts Rechenschaft ablegen müssen (Mt 12,36)? Spüren wir Heutigen noch die Tiefe und die Höhe des Osterwortes „Oh glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden?“

Die „Redemptoristen“ des Heiligen Alfons haben in unzähligen Volksmissionen den „Redemptor hominis“, den Erlöser, den Menschen mit seiner Barmherzigkeit nahegebracht, auch wenn meine Mutter sie als „Redemmi-Touristen“ bezeichnete wegen der engagierten Predigtweise: Es war ein großes Ziel ihrer Seelsorge, die Menschen zum persönlichen Bekennen der Schuld und zur Erneuerung ihres Alltagslebens mit Gott und ihren Mitmenschen zu führen. Es heißt bei Paulus: „Alle haben ja gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren. Umsonst werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus.“ (Röm 3,23f) Die Botschaft ist: Gott hat eine Lösung: Erlösung!

Jetzt kommt das Gleichnis ins Spiel: Nur wer verstanden hat, dass Gott uns Menschen so viel vergeben hat, der wird auch mit den Mitmenschen gütig und vergebend umgehen. Wer sein Leben in allen Einzelheiten Gott verdankt und um Gottes Vergebungsbereitschaft weiß in allem, was wir trotz besserem Wissen getan oder mehr noch an Liebe, Gebet, Aufmerksamkeit und Einsatz für die Mitmenschen schuldig geblieben sind, der wird einfühlsamer, zuvorkommender und großzügiger mit den Mitmenschen umgehen. Es gehört zu meinen Standard-Sätzen: „Der liebe Gott hat einen großen Zoo und ich gehöre auch dazu.“ Oder wie der Kölner sagen würde: „Jede Gäck is anders!“: Wenn wir uns an der Verschiedenartigkeit erfreuen, müssen wir uns auch über die Fehlstellen anderer nicht wundern, denn wir sind insgesamt nicht besser. Wir haben unsere Fehlstellen nur an anderen Ecken und in anderen Situationen als die , die uns beim Anderen so dick ins Auge springen. Sonst geht das mit dem Splitter und dem Balken geht ins Auge.

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35. 25. Sonntag im Jahreskreis

© Alois van Doornick, Kalkar: Bild und Botschaft

71. Der Wunsch nach mehr oder der großzügige Chef bei den Erntehelfern. Kollektenkörbchen

(Evangelium: Mt 20, 1-16 25. So. A Arbeiter im Weinberg)

 

Im Bild

In Corona-Zeiten werden die Kollekten-Körbchen am Ausgang schnell übersehen und der Haushalt der Pfarrgemeinde und die Empfänger der Sonderkollekten leiden. Es gibt keinen „Klingelbeutel“ mehr, der herumgereicht wird. Der „Klingelbeutel“ hat seinen Namen nicht von der klingenden Münze, „Scheinwerfer“ sind willkommener, sondern: Das kleine Glöckchen am Körbchenrand machte immerhin noch auf das Spenden-Anliegen aufmerksam und begleitete den Gabengang. Der ist das mit „Gaben der Erde“ unterfütterte Sich-Einbringen der Gemeinde neben allen Gebeten, Bitten und Danksagungen. Jetzt fristet der Spendenkorb ein stilles Dasein. Der im Evangelium genannte eine Denar (= 10 Asse) als Tageslohn für die ungelernten Erntehelfer war eine Silbermünze, die ab Kaiser Augustus an Wert verlor. Die 10.000 Talente aus Mt 18,24 entsprachen 10.000x60.000 Denaren, eine hohe, millionenschwere Summe. Der Weingutbesitzer sucht händeringend nach jeder nur möglichen Arbeitskraft um im knappen Zeitfenster die Trauben zeitig und vollständig einbringen zu können. Er legt sozusagen für jede Zusatzkraft noch oben drauf. Bei einem 12-Stunden-Arbeitstag, von der 40-Stundenwoche war man weit entfernt, verärgert dies die Leute der ersten Stunde. Aber Jesus erzählt Geschichten vom Reich(tum) Gottes, von der Fülle des Himmels, von der Großzügigkeit des Vaters und vom Glück der Menschen, die sich auch nach längerer Zeit erst für Jesus und seine Sache entscheiden. Damit erhalten die Freunde und Apostel Jesu eine Belehrung, dass sie die ganze Fülle der Gaben Gottes bereits besitzen und gar nicht richtig wertschätzen in einem ständigen Immer-mehr-haben-Wollen.

 

Die Botschaft

Der Judenchrist Matthäus mit seinen vielen alttestamentlichen Zitaten weiß sich als Brückenbauer zwischen den klassischen aus dem Judentum hervorgegangenen Christen in den ersten kleinen Gemeinden Palästinas und den ohne jüdische Gesetzesvorschriften lebenden aus dem so genannten „Heidentum“ bekehrten Christen etwa Kleinasiens oder Griechenlands. Auch da gab es Streit in der Frage der Eingruppierung als „echt“, „ursprünglich“ oder doch dann „später dazu gekommen“ oder „Neubekehrte“. Die „Last des Tages“ ist dann die Last der über 600 jüdischen Alltagsvorschriften, die den Neuchristen aus dem Griechentum nicht auferlegt wurde im Apostelkonzil (Apg 15,19).

Auch heute sehen Christen sich in der Rolle der „Blöden“, die sich „an alles halten“, was man sich unter einem Christen vorstellt, und dafür sich voll engagieren mit Zeit und Energie. Auch Ehrenamtler werden schon mal für ihre zeitaufwändige Arbeit bespöttelt und können auch schon mal stöhnen, wenn sich andere die Sache leichter machen. Petrus selbst hatte Jesus schon die Frage gestellt: „Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür bekommen?“ (Mt 19,27) Wir selbst wollen auch manchmal für Wohlverhalten oder für mehr als alltäglichen Einsatz „belohnt“ werden. Vielleicht suchen wir nach deutlicherer Gotteserfahrung und Bestätigung des Glaubens, bleiben aber im normalen Alltagszweifel stecken. Wir würden gern mehr „Zuwendungen“ von Gott spüren und müssen doch die Last der Tagesverantwortung, die Mühe des liebevollen Einsatzes in der Ehe und Familie oder in den Feldern der Gemeindearbeit in Treue Tag für Tag auf uns nehmen. Oft fehlt uns dann der „Spaßfaktor“ oder der „Lohn der Mühen“.

Das Evangelium betont den Mehrwert der unverdienten Überraschungen, die Gott im Leben bereithält. Gott will auch nicht, dass wir uns den Himmel „erarbeiten“, „verdienen“, mit „Pluspunkten“ punkten: Wir sollten von Gottes Gaben nicht zu klein, vom Himmelreich nicht zu eng, vom ewigen Leben nicht zu kurz gefasst denken.

Papst Benedikt hat sich am Ende seines Amtes als „Arbeiter im Weinberg des Herrn“ bezeichnet. Vielleicht wollte er, der alte Mann, damit ausdrücken, dass er geduldig die Jahre seines Dienstes für die Kirche und die Theologie gelebt hat und sich darüber freut, in Gottes guter Welt mit harter Arbeit, aber auch süßen Früchten überhaupt leben und tätig werden zu dürfen. Die Anfragen an uns: Wie sehr belastet uns unsere Arbeit? Was ist der Hauptgrund für diese Empfindung? Wie sehr freuen wir uns über Kollegialität, Miteinander, verschiedene Talente, Charaktere? Kann ich zur Arbeit auch sagen: „In Wahrheit ist es würdig und recht, dir allmächtiger Vater zu danken“? Kommt Gott vor in meiner Arbeitszeit? Bin ich für meine Kolleginnen und Kollegen dankbar? Freue ich mich an ihren Erfolgen? Und: Wo überall sehe ich, dass Gott gut ist? Kann ich mich freuen und sagen: Ich habe meinen „Lohn“ bereits erhalten?

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36. 26. Sonntag im Jahreskreis

© Alois van Doornick, Kalkar: Bild und Botschaft

73. Erniedrigt und erhöht. Chorfensterkreuz in St. Pankratius Altkalkar, Heinrich Diekmann 1960. (Lesung 26. So A Phil 2,1-11)

 

Im Bild

Das geostete Chorfenster in St. Pankratius Altkalkar trägt zur sonntäglichen Frühmesse ein wunderbares Leuchten in den Kirchenraum: Christus im österlichen Morgenlicht! Das vorherrschende Rot des Blutes und der Liebe und das himmlische Blau des Himmels und der Treue im Gewand der Gottesmutter koalieren wie Nacht und Tag, Erde und Himmel, Oben und Unten. Vor dem ungewöhnlichen Rot des Kreuzesbalkens tritt der Leib des „auf die Erde gekommene Gottessohn“ erdfarben oder „hostienfarben“ hervor. Die Sonne ist im Verschattungszustand, der Mond dennoch im Abglanzlicht über dem Kreuz zu sehen. In den Fischblasen oben steht das weiße Lamm unschuldig und auferstehungsklar da und wirkt vor dem blau-roten Hintergrund strahlend, wie es auf der letzten Seite der Bibel heißt: „Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm.“ (Offb. 21, 23)

Die anbetenden Hände der Maria und des Lieblingsjüngers Johannes zeigen genau so viel Zuneigung, wie Christus sich Maria und denen „zu seiner Rechten“ (Mt 25,34ff.) mit der dort geöffneten Erlöserblutseite zuwendet. Ist die ungewöhnlich segnende linke Hand Jesu über dem Lieblingsjünger dazu als Ausgleich zu sehen? Ist der gesenkte trauernde Kopf der Mutter und der aufschauende Blick des Jüngers die Darstellung der Gleichzeitigkeit von Trauer und Hoffnung, Mitleid und Zuversicht, Tod und Auferstehung? Gehören inhaltlich zusammen das übereinstimmende Blau der in den Himmel aufgenommenen Maria mit dem Himmelsblau, das Liebes-Rot des Lieblingsjüngers mit dem brennenden Rot des Kreuzes?

 

Die Botschaft

„Der geerdete Himmel“ hieß 1979 ein Buch des niederrheinischen Dichters und Priesters Wilhelm Willms. Der Philipperhymnus besingt schon in der frühen Kirche den Abstieg und den Aufstieg Gottes, den die Darstellung in St. Pankratius so einfühlsam wiedergibt. Das im Erdboden eingelassene und in den Himmel aufragende Kreuz ist immer auch ein Rettungsanker Gottes, um den Himmel und die Erde aneinander zu ketten. Jesus Christus am Kreuz in der Menschenhaut und dann im Menschengrab setzt sich den Blicken des mobbenden Mobs ebenso aus wie denen der knienden Verehrer. Wir erinnern uns an den Karfreitagshymnus von Christus, der mit seinem Kreuz eine starke Brücke zum Himmel bildet, eine sichere Leiter, einen Stab der Pilger, ein Siegeszeichen, des Himmels Schlüssel … (GL 294 O du hochheilig Kreuze).

Wenn uns solche Gedanken natürlich vom Wissen her vertraut und in unseren Gebeten dennoch nicht immer so präsent sind, so stellt der Vorspann des Philipperhymnus einen weitergehenden, ungewöhnlichen Zusammenhang her. Aber genau das bringt die Erlösungstat Jesu mit unserem Alltag zusammen. Genau da beginnt der fromme Heiligenschein die irdische Farbe des grauen Alltags zu umgreifen: „Wenn es also eine Ermahnung in Christus gibt, einen Zuspruch aus Liebe, eine Gemeinschaft des Geistes, ein Erbarmen und Mitgefühl, dann macht meine Freude vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, einander in Liebe verbunden, einmütig, einträchtig, dass ihr nichts aus Streitsucht und nichts aus Prahlerei tut. Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst. Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen. Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht.“ (Phil 2,1-5)

Die kleine Herde unter dem Kreuz ist in dem einen Rot der Kreuzesliebe verbunden. Der Sohn wird der Sorge der Mutter und die Mutter der liebenden Betreuung des testamentarisch als fürsorgepflichtiger Sohn eingesetzten Freundes Jesu übergeben. Der Hymnus sieht das Kreuz als letzte Großtat Jesu einer um die Menschheit besorgten Erdenmission. Die von Jesus ausgehende Achtung der Ausländer, der abgestempelten „Sünder“, der Kranken, gerade der mit psychischen Problemen und „Dämonen“ lebenden, oder der Bevorzugung der an ihn glaubenden Nichtjuden wird vom Apostel als großes Exempel eines neuen Lebensstils der Achtung und der Wertschätzung der Ausgegrenzten und Abgewerteten hingestellt.

Da wird die Erlösung zur Lösung, der Abstieg Gottes zum Aufstieg für die „unteren Schichten“, die Verhetzung Gottes zur Wertschätzung gedemütigter Kreaturen. Finden wir den Weg von der frommen Kreuzesverehrung zum Abstieg zu den Armen, von den feierlichen Liedern zu den freundlichen Worten für Ausländer, von der Kommunion der Sonntagsgemeinde zur Gemeinschaft mit Andersgearteten in der Woche? Hat mein Gottesdienst Konsequenzen (d.h. wörtlich Nachfolgen) im Menschendienst? Phil 2, 1-11 ist Pflichtlektüre und Handlungsgrundlage der Christen.

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37. Erntedank 27. Sonntag im Jahreskreis

Bild und Botschaft © Alois van Doornick

72. Bund im Blut. Altar St. Regenfledis Hönnepel. Christoph Wilmsen-Wiegmann, Naturstein, vor 2000

(Jes 5, 1-7 Weinberglied; Mt 21,33-44 verpachtete Weinberg: Lesejahr A, 27. So.)

 

Im Bild

Der aus einem hellen Sandstein geschlagene Zelebrationsaltar in St. Regenfledis Hönnepel wächst aus dem Boden sich verjüngend empor und weitet sich oben zum Altartisch. Die vier Ecken bilden Rebstöcke, die ihre Rebzweige über die Altarseiten verteilen und dort in Weinblättern und Trauben münden. Der Evangelist Johannes kennt nur das Weinstockgleichnis, die anderen nur die Weinberg-gleichnisse, die auch bei diesem Altar mit den vier Weinstöcken

eher mit Blick auf die Gemeinde im Vordergrund stehen. Die Pflege des gottgeschenkten Weinbergs sowohl der „Erde“ als auch des „Gottesvolkes“ ist Christenaufgabe aller, die am Altar den Bund mit Gott wöchentlich unter seiner Zuwendung erneuern, vertiefen und feiern.

 

Die Botschaft

Ein Liebeslied ist das Weinberglied aus Jesaja, ein Liebeslied des fürsorgenden Gottes, das zum Liebeskummerlied wird: Alles hat Gott getan in der Geschichte seiner Werbung um sein Volk. So viele Bundesschlüsse seit Adam und Eva, Noe, Abraham, Isaak, Jakob, Mose, Josua. So viele Propheten wie Elija, Elischa, Jesaja, Jeremia, Ezechiel oder die 12 anderen wie Amos, Hosea, Sacharja, die wir die kleinen Propheten nennen, aber nur wegen der kurzen Bücher. So viele Boten, so viele Schriften, so viele neue Wege und Anfänge. Sogar ein „Menschensohn“ wie der erwartete Messias kommt in solchen alttestamentlichen Stellen vor:

  • „Einen Weinstock hobst du aus in Ägypten, du hast Völker vertrieben und ihn eingepflanzt. Er hat Wurzeln geschlagen und das ganze Land erfüllt. Warum rissest du seine Mauern ein? Alle, die des Weges kommen, plündern ihn. Gott der Heerscharen, kehre doch zurück, blicke vom Himmel herab und sieh, sorge für diesen Weinstock! Beschütze, was deine Rechte gepflanzt hat, und den Sohn, den du dir stark gemacht!“ (aus Ps 80)
  • „Er war doch auf gutes Feld gepflanzt, an reichliche Wasser, um Zweige zu treiben und Frucht zu tragen und ein herrlicher Weinstock zu werden. Sag: So spricht GOTT, der Herr: Wird das gelingen? Wird nicht einer seine Wurzeln ausreißen und seine Frucht verderben, sodass all seine grünenden Triebe verdorren?“ (Ez 17,8f.)
  • „Vielmehr ist das die Saat des Friedens: Der Weinstock gibt seine Frucht, das Land gibt seinen Ertrag und der Himmel gibt seinen Tau. Das alles will ich dem Rest dieses Volkes als Erbbesitz geben. Und wie ihr ein Fluch unter den Völkern gewesen seid, Haus Juda und Haus Israel, so werde ich euch erretten, damit ihr ein Segen seid. Fürchtet euch nicht! Stark sollen eure Hände sein!“ (Sach 8,12f.)

Auf den letzten Seiten der Bibel geht es um die „Ernte“:

  • „Vom Altar her kam noch ein anderer Engel, der die Macht über das Feuer hatte. Dem (Menschensohn), der die scharfe Sichel trug, rief er mit lauter Stimme zu: Schick deine scharfe Sichel aus und ernte die Trauben vom Weinstock der Erde! Seine Beeren sind reif geworden.“ (Offb. 14,18)

Nicht umsonst lesen wir die Weinberggleichnisse zur Erntezeit. Die Früchte der Arbeit im Gottesreich sind nicht zum Horten oder Selberessen. Wie beim Weinstock Christus sind die Christen die Äste zur Weiterleitung des Saftes, aber nicht die Dolden und die Trauben: Die süßen Erträge sind für andere, sind „für den Herrn“, dienen dem weiteren Wachstum des Gottesreiches.

Wir spüren, dass das Schicksal der Gottverbundenen immer gefährdet ist, das die gottgegebene Pflanze verdorrt aus eigener Schuld oder durch „Plünderung“ anderer. Gleichwohl bleibt die Verantwortung für die große Leihgabe Erde, bleibt die geschuldete Antwort auf die Liebesgaben Gottes, bleibt die Anfrage eines von „Liebeskummer“ geschlagenen Gottes: „Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, den Glauben auf der Erde finden?“ (Lk 18,8)

Der Altarstein in Hönnepel spricht auch vom Eckstein Christus, auf den alles gründet. Er wird im Evangelium aber auch zum möglichen vernichtenden Steinblock, an dem alles zerschellt. Ja, die Mitfeier am Altar ruft uns in die Bundesentscheidung zurück. Die Bundesurkunde ist mit Kreuzesblut unterschrieben …

Fruchtbare Weinfelder und üppiger Weingenuss führen zu gottvergessener Sorglosigkeit und zu einer gedankenlosen, weltlichen Verbrauchermentalität sowohl bei den irdischen wie auch bei den himmlischen Gütern.

Es müsste zu den Grundsätzen gehören:

1. Dankbar genießen, was unbezahlt vorgegeben ist. 2. Mit Einsatz und Sorgfalt erhalten, was eben durch menschliches Tun weiter zu entwickeln möglich ist. 3. Gute irdische und geistige Erträge menschlichen Tuns möglichst vielen anderen zukommen lassen. 4. In allem, was gelingt und sich entwickelt, Gott mit am Werk sehen. 5. Jeden Tag erwarten, für die Leihgaben Erde, Leben, Mitgeschöpfe, Glauben in Verantwortung genommen zu werden.

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38. 29. Sonntag im Jahreskreis

© Alois van Doornick, Kalkar: Bild und Botschaft

75. Glaube, Hoffnung, Liebe. Paulusfahne Grieth, Taufkapelle)

(Lesung 29. So. A: 1 Thess 1, 1-5 Dank des Apostels)

 

Im Bild

Eine wunderschöne Gesichtszeichnung des Völkerapostels Paulus hat die schwere Brokatfahne in der Taufkapelle in Grieth mit den dicken Schmuckauflagen aus Golddraht. Der Apostel im roten Gewand des Märtyrers blickt sinnend über die Bibel in seiner Rechten hinweg und hält mit der Spitze auf dem Erdboden das Schwert seines Martyriums, wobei dieses Schwert auch manchmal auf Eph 6,17 und seine Unterscheidung der Geister gedeutet wird: „Und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes!“ Seine wie immer hohe Denkerstirn kennzeichnet den kenntnisreichen Theologen und spirituellen Seelsorger. Das Gold des Untergewandes und des Heiligenscheins leuchten himmlisch. Die Bibel ist durch den vierfach farblich abgesetzten Rahmen und seine Kopfbewegung als Zentrum seiner Botschaft gekennzeichnet.

 

Die Botschaft

Es fällt im zweiten Lesungstext des 29. Sonntags A vom Beginn des ersten Thessalonicher-Briefs auf, dass Paulus als Verfasser nicht nur sich selbst nennt. Mehrfach werden in anderen Briefen auch Timotheus, wie hier einzeln auch Sosthenes, Silvanus oder „alle Brüder, die bei mir sind“ genannt: Paulus agiert der Aussendung Jesu gemäß immer als Teamplayer. Die neue Übersetzung nennt wie in einigen anderen Briefen auch als Adressaten „die Kirche“ von XY und nennt daneben oft „alle Heiligen“ in der Umgebung: Gab es schon Gemeindeleiter, verfasste Strukturen, eingeschriebene Mitglieder als die aus Thessalonich „Herausgerufenen“ (ekklesia) von Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus?

Wie bei der Taufe werden am Beginn die Adressaten in der Gemeinde mit dem Gottesnamen und der Gnade verbunden. Das „Wir“ der Absender führt Paulus fort, wenn er für die sozialen Aktivitäten der Leute und den Glauben des Herzens dankt. Es ist das Großartige dieses Briefeinstiegs, dass in eins genannt werden Briefabsender, Adressaten in der Gemeinde, Gott (der Vater) und Jesus Christus und die Grundtugenden Glaube, Hoffnung und Liebe. Das zeigt um das Jahr 65 schon einen hohen Reflexionsstand der Gemeindetheologie und der strukturierten Glaubensweitergabe. Der auf seinen Missionsreisen durch Gefahren und Nöte geerdete Apostel anerkennt

  • „das Werk des Glaubens“ als Umsetzung christlicher Taten im Gemeindeleben und in der Feier der Gottesverehrung
  • „die Mühe der Liebe“ als Belastbarkeit in der Sorge um die Zu-kurz-Gekommenen, Kranken, Waisen, Kranken und Sünder
  • „die Standhaftigkeit der Hoffnung“ in aller Auseinandersetzung mit dem Götterglauben Griechenlands, im Ertragen von Nachteilen oder sogar aktiver Verfolgung

Die uns so nicht vertraute Reihenfolge von Glaube, Liebe und Hoffnung macht aufmerksam zuerst auf die Notwendigkeit der bewussten Glaubensübernahme und Bekehrung zu Christus, dann die alltägliche Umsetzung in spürbaren Taten der Liebe und die langfristige Zukunftsausrichtung in der Erwartung ewiger Gottesgemeinschaft. Das lässt noch einmal anders blicken auf den häufig gebrauchten Satz „Die Hoffnung stirbt zuletzt“.

Der wunderschöne und dichte Briefanfang des Paulus und seiner Schüler gibt mir diese Gedanken mit auf den Weg:

1. Das Wort von Gott muss ich mir immer wieder neu sagen oder an mich adressiert schreiben lassen. Ich kann es nachlesen in der Bibel, aber im sonntäglichen Mitleben mit der Gemeinde darf ich mir persönlich das Wort Gottes „zugeschrieben“ erfahren und dies in christlicher Gemeinschaft erneut aktivieren und aktualisieren.

2. Die „Dreieinigkeitssumme Gott“ ist bei Paulus noch differenziert: Gott als Vater, Jesus als Herr, Heiliger Geist! Darf Jesus bei mir im Alltag was be“herr“schen? Be“herr“sche ich nicht vieles besser, wenn ich seiner Lebenskunst, seiner Lebensart folge? Kann ich mich im Verzicht nicht noch mehr „be“herr“schen zugunsten anderer, zugunsten der Umwelt?

3. Wenn Paulus sagt „Wir danken Gott für euch alle“ steht im Griechischen das Verb von „Eucharistie“!!!

4. Bei Glaube, Liebe und Hoffnung stehen Werk, Mühe, Standhaftigkeit: Das ist Arbeit und geht nicht nebenbei! Das sind nicht Sahnehäubchen auf meinem Egoistenleben oder meinem Mitleben in der Spaßgesellschaft!

5. Auch der letzte Satz (Vers 1,5) mit der Rede von Wort, Kraft und Heiligem Geist, die zur Gewissheit kommen, lassen mich die lebendige Dynamik von Denken und Tun, Ich und Wir, Erde und Himmel, Gott und Menschen, Gottesdienst und Alltagschristsein spüren.

Der Anfang ist eine Ouvertüre. Alles ist drin im Gemeindeleben: Gottes Wirksamkeit und menschliche Möglichkeiten.

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39. 30. Sonntag im Jahreskreis

© Alois van Doornick, Kalkar: Bild und Botschaft

76. Die gebotene Liebe. Gebote-Tafel aus der Fam. Boetzelaer in St. Nicolai Kalkar. Gemälde auf Eiche, ca. 1680

(Evangelium Mt 22,34-40. 30. So. A)

 

Im Bild

Wie gut, wenn Kirchenvorsteher die Kirchenkunst in Wandelzeiten nach dem II. Vatikanischen Konzil besser bewahren als die Pfarrer. Die im Dunstkreis von St. Nicolai bewahrte Gebote-Tafel des 17. Jh. trägt mit der Wolfsangel das Wappen der Familie Boetzelaer von der gleichnamigen Burg in Appeldorn. Zwei Tafeln hält Moses auftragsgemäß dem Volk entgegen mit den Geboten 1-3 und 4-10, die je die Gottesverehrung und das Sozialverhalten ansprechen. Auf der zweiten Hälfte der zweiten Tafel ist aber das doppelte Liebesgebot aus Mt 22, 37ff zitiert mit der anschließenden Aufforderung, „diese Worte sich zu Herzen zu nehmen und sie den Kindern zu erzählen“ und davon zu sprechen, wenn man zuhause sitzt. Die orthodoxen Juden kennen die Benutzung der „Tefillin“, der Lederbänder um Arm und Stirn mit den Kapseln , die das Gebot Gottes enthalten: „Höre, Israel: Der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen in deinem Herzen sein. Und du sollst sie deinen Kindern einschärfen, und du sollst davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt und wenn du auf dem Weg gehst, wenn du dich hinlegst und wenn du aufstehst. Und du sollst sie als Zeichen auf deine Hand binden, und sie sollen als Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie auf die Pfosten deines Hauses und an deine Tore schreiben“ (Dtn 6,4-9).

Die Tafelunterschrift zitiert Levitikus 26,3, wo Gott Ernteerträge, Frieden und Sicherheit verspricht, „wenn ihr nach meinen Satzungen handelt, meine Gebote bewahrt und sie befolgt“. Die Kopfzeile über dem Moses-Bild zitiert Mt 19.17: „Wenn du aber in das Leben eintreten willst, halte die Gebote!“

 

Die Botschaft

Das Bilderverbot calvinistischer Prägung oder der Hugenotten ließ gerade um der moralischen Bildung der Gemeinden solche Zehn-Gebote-Text-Tafeln zu, die auch in katholischen Kirchen zur Erziehung und Beichtspiegelpraxis verwendet wurden. Nach dem Trienter Konzil des 16. Jh. wurden die 10 Gebote zu Beichtspiegeln und Gewissenserforschungsrastern genutzt. Ob die am Niederrhein nach 1609 preußische Befehlsstruktur und Gesetzeshörigkeit solche religiöse Erziehung gefördert hat, bleibt zu untersuchen. Zu untersuchen wäre auch der pädagogische Einfluss der jüdischen Familien Kalkars und ihrer Gesetzestreue. Bemerkenswert ist auf den Tafeln die Gegenüberstellung des Dekalogs mit dem doppelten Liebesgebot als Kurzfassung dessen Gebote 1-3 und 4-10. Auch der Römer-, Galater- und Jakobusbrief greifen das Gebot der Nächstenliebe als göttliches Gebot auf, das aber schon alttestamentlich in Lev 19,18 präzise so formuliert ist: „An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der HERR.“

Die beiden zusammenhängenden Tafeln können nicht nur den Zusammenhang von Gottes- und Nächstenliebe thematisieren, sondern auch von Altem und Neuem Testament. Mancher sieht die konkreten Zehn Gebote durch das doppelte Liebesgebot Jesu aufgehoben, wogegen Jesus sich in Mt 5 ausdrücklich wehrt. Diese beiden Tafeln werben für die Kenntnis christlicher Wurzeln im Judentum wie schon Johannes XXIII. Die Juden als unsere „älteren Brüder“ kennzeichnete. Gerade die Kenntnis alttestamentlicher Volksgeschichte, alttestamentlicher Weisheitsliteratur, alttestamentlicher Gebete und Gestalten, alttestamentlicher Prophetie ist unabdinglich für unser Gottesbild und unser Sozialverhalten. Da wird uns sehr viel „geboten“. Es ist uns im anderen Sinne „geboten“, solche Gebote nicht nur als Gesetzesmaßregelungen, sondern als kurz gefasste Ergebnisse vieler lange Zeit gesammelter Volksweisheit zu verstehen. Mittlerweile gehört es zum Dekalogverständnis, dass wir den ersten Satz vom Auszug aus Ägypten als den Freiheitsweg verstehen, den diese Gebote anbieten. Oft ist nur die Negativseite als Grenze vorgestellt: Inhaltlich positiv müssen wir selbst unsere Welt liebevoll gestalten: Du sollst das und das nicht … Aber positiv könntest du dies oder jenes … Unsere eigene Phantasie und Kreativität werden nicht gedämpft, sondern eingefordert.

Mit dem Kreuzzeichen machen wir die senkrechte Bewegung und sprechen vom Vater und Sohn und von unserer Gottesbeziehung. Mit der Bewegung zu den Schultern sprechen wir vom „Geist“ unserer mitmenschlichen Beziehungen rechts und links gleich neben uns, im Blick auf unsere „Nächsten“. So erinnern wir uns bei jedem Kreuzzeichen an dieses gute An-Gebot gelungener Lebensführung. Der Satz enthält Zündstoff: Liebe ist uns geboten!

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AvD-Schatzkiste

Ehe+Jubliäen