AvD-Schatzkiste

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Sonntags-Bildgedanken

51. 1. Sonntag nach Weihnachten ~ Fest der Heiligen Familie

© Alois van Doornick, Kalkar: Bild und Botschaft

26. Ihr werdet ein Kind finden. Annenaltar in St. Nicolai Kalkar ca. 1520, Eiche, unbekannter Meister

(Evangelium vom 1. Januar: Hochfest der Gottesmutter. Lk 2,16-21)

 

Im Bild

Der aus dem Dominikanerkloster stammende Annen-Altar zeigt den oben vom Engelschor voller Instrumente umgebenen Gottvater segnend auf den Sohn zwischen Maria und Anna herabschauen, die auf einer Bank sitzen umgeben von Josef und den drei legendären Männern Annas: Kleopas, Salomas und Joachim. Sie zeigen den „Leib Christi“ auf dem Messaltar, der um 1900 von Ferdinand Langenberg ein prüdes Tüchlein verpasst bekam. Die von Josef angerichten Trauben verweisen auf das „Blut Christi“ und die geahnte Kreuzigung.

 

Die Deutung

Menschenskind

Wen bringst du nicht alles in

Bewegung

Maria und Josef und die Hirten

und die Könige

Die Bibelschreiber und die

Zeitrechnung

Die Krippenbauer und

die Weihnachtsfeiern

Die Kinder und die Werbestrategen

Gottvater, Großmutter, Mutter, Kind

 

Die Beter und die

Weihnachtseinkäufer

Die Maler und die Theologen

Die Urlauber und die Musikvereine

Die Krippenspieler, die Kirchenchöre

Die Friedenswilligen, die Weltkirche

Die Familien und die Engel

 

Und mich

Menschenskind

Ich? Kindbewegt? Kindangeregt?

Ich? Zum Kind geführt?

Vom Kind verführt?

Ich? Kinderleicht?

Mit Kindesaugen?

Ich? Kindlich lächeln?

Kindlich Herz?

Menschenskind Gottesgeschenk Spiegelbild Rollentausch

Gotteskind Menschenkind

 

Und er stellte ein Kind in ihre Mitte

Wer dieses Kind um meinetwillen aufnimmt

Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder

Wer das Himmelreich nicht aufnimmt wie ein Kind

 

Menschenskind

Ich? Fassen mit Kinderhänden

Ich? Schauen mit großen Augen

Ich? Dich in die Arme nehmen

Ich? Staunend dich hören

Ich? Dankbar lächeln

Ich? Fröhlich dir singen

Ich? Spielend begreifen?

Ich? Kindlich beten?

Menschenskind

 

Sucht Menschenkind

Sucht Kindmenschen

Sucht Kindohren

Sucht Kindaugen

Sucht Kindherzen

Sucht Gotteskinder

Er das Menschenkind

 

Menschenskinder,

Wer hat die Kinder gemordet

Wer hat den Kinderglauben sterben lassen

Wer tötete das Kind im Manne

Wer tilgte die Kinderträume

Wer stahl Wahrheit aus Kindermund

Wer nahm mir den kindlichen Sinn

Menschenskinder

  • Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob. (Ps 8,3)
  • Als er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm. (Spr 8,30)
  • Ich war ein begabtes Kind und hatte eine gute Seele erhalten. (Weish 8,19)
  • Wie ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in mir. (Ps 131,2)
  • Kommt, ihr Kinder, hört mir zu! Ich will euch in der Furcht des Herrn unterweisen. (Ps 34,12)
  • Denn er hat die Riegel deiner Tore fest gemacht, die Kinder in deiner Mitte gesegnet. (Ps 147,13)
  • Israel soll sich über seinen Schöpfer freuen, die Kinder Zions über ihren König jauchzen. (Ps 149,2)

Menschenskind, Ich darf wieder Kind sein, Ich darf ein Kind sein, Ich darf sein Kind sein

Kinder bringen Große zusammen, Kinder sagen die Wahrheit, Kinder verstehen alles, Kinder haben großen Hunger

Kinder können selig schlafen, Kinder sind seine Kinder, Gotteskinder, Menschenkinder, Menschenskinder

 

„Als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus, den der Engel genannt hatte, bevor das Kind im Mutterleib empfangen war.“ (Lk 2,21).

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52. Neujahr

© Alois van Doornick, Kalkar: Bild und Botschaft

42. Ein Name fürs Leben: „Jesus“ – „Gott rettet“. Beschneidung Jesu, Hochaltar St. Nicolai Kalkar, Jan Joest, Öl auf Holz, ca. 1508

(Evangelium Neujahr, der 8. Tag: Lk 2, 16-21)

 

Im Bild

Die zwischen Christen und Juden bei Paulus strittige Beschneidung und Namensgebung dieses jüdischen Jungen Jesus geschieht im Mittelpunkt des Bildes über einem dem Kalkarer Taufstein ähnlichen Sockel unter einem zweibahnigen spätromanischen Fenster. Die Heiligenfigur mit dem Buch im Hintergrund und der sonst unter dem Kalkarer Wappen (dies auch im Fenster) gezeigte geflügelte Drache über dem rechten Tordurchgang werden die damaligen Betrachter an Kalkarer Bauten wie z.B. die Gasthauskirche erinnert haben. Die Hofdamen links und der smarte, grünbetuchte Jüngling rechts können dem Kern des Klever Hofs entstammen. Der Jude im roten Gewand, der so genannte Mochel, hat eine ihn dem Zeitgefühl gemäß herabstufende Warze im Gesicht. Maria ist im Blau einer (jungfräulichen) Nonne sehr hervorgehoben gegenüber dem sehr unscheinbaren und für die Jungfrauengeburt bedeutungslosen Josef. Spezialaufnahmen belegen, dass der Mann mit der schwarzen Kappe auf der Unterzeichnung nicht vorgesehen war. Schaut hier der Künstler uns selbst an? Ist bei dem Bild der Namensgebung Jesu hier ein Bezug zum Künstlernamen? Der Daumen der grüngewandeten Person und die aus dem Gewand hervorlugende Hand weisen eindeutig auf ihn. Die Deutungen der ähnlich uns anschauenden sehr jungen Künstler mit den roten Kappen auf dem Lazarus-Bild zielen eher auf Joos van Cleve und Barthel Bruyn, die als blutjunge Schüler beim gut fünfzigjährigen Jan Joest am Hochaltar mitarbeiteten. Die vom jungen Mann auffällig präsentierten Brokatverzierungen kann man evtl. sogar als verschlüsselte Namenszüge Jan Joests ansehen. Weist das Kind mit der linken Hand auf seine Mutter, der Namenspatronin der Liebfrauenbruderschaft, oder werden wir durch diese Hand am Ohr zum Hinhören auf das fleischgewordene Wort aufgefordert? Übrigens: Das Beschneidungsblut ist Hinweis auf die Sieben Schmerzen Marias und das „Blut Christi“ wie auch der nackte Leib auf den „Leib Christi“ der Eucharistie auf diesem stilisierten Altar des Alten und des Neuen Bundes … Und spielt das Rot des Beschneiders und das Weiß des Sockeltuchs auf Jesaja 1,18 an: „Sind eure Sünden wie Scharlach, weiß wie Schnee werden sie. Sind sie rot wie Purpur, wie Wolle werden sie.“?

 

Die Botschaft

Die deutliche senkrechte Bildachse und des Fensters dient vielleicht der Trennung der beiden Religionen Christentum und Judentum, Altes und Neues Testament, alter und neuer Bund. Bis heute wird die Beschneidung Jesu am achten Tag nach Weihnachten, dem Neujahrstag in der katholischen Kirche gefeiert und verlesen wird:

„Und Gott sprach zu Abraham: Du aber sollst meinen Bund bewahren, du und deine Nachkommen nach dir, Generation um Generation. Dies ist mein Bund zwischen mir und euch und deinen Nachkommen nach dir, den ihr bewahren sollt: Alles, was männlich ist, muss bei euch beschnitten werden. Am Fleisch eurer Vorhaut müsst ihr euch beschneiden lassen. Das soll geschehen zum Zeichen des Bundes zwischen mir und euch. Alle männlichen Kinder bei euch müssen, sobald sie acht Tage alt sind, beschnitten werden in jeder eurer Generationen, seien sie im Haus geboren oder um Geld erworben von irgendeinem Fremden, der nicht von dir abstammt. Beschnitten werden muss der in deinem Haus Geborene und der um Geld Erworbene. So soll mein Bund, dessen Zeichen ihr an eurem Fleisch tragt, ein ewiger Bund sein.“ (Gen 17, 9-13)

Paulus legt für die Christen fest: „Wenn einer als Beschnittener berufen wurde, soll er beschnitten bleiben. Wenn einer als Unbeschnittener berufen wurde, soll er sich nicht beschneiden lassen Es kommt nicht darauf an, beschnitten oder unbeschnitten zu sein, sondern darauf, die Gebote Gottes zu halten. (1 Kor 7, 18f.) Und: „Denn in Christus Jesus vermag weder die Beschneidung noch die Unbeschnittenheit etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe wirkt.“ (Gal 5,6).

  • Das Neujahrsevangelium beginnt das Neue Jahr als „Anno Domini“ im „Namen Jesu“ als Jahr des Herrn.
  • Die Menschwerdung ist genauso Bundesgeschehen Gottes wie die Kreuzigung und die Eucharistie.
  • Matthäus hatte Josef die Namensgebung zugeteilt: „Du sollst ihm den Namen Jesus geben.“ (Mt 1, 21) Im Bild scheint man der Lukas-Fassung zu folgen und bringt eher Maria ins Spiel: Dem sollst du den Namen Jesus geben.“ (Lk 1, 31)
  • „Beschneidung ist nicht, was am Fleisch geschieht, sondern was am Herzen durch den Geist geschieht.“ (Röm 2, 28f.) Wir sollten Gott am offenen Herzen operieren lassen!
  • Wenn Jesus schon Jude war, sollten wir das Alte Testament intensiver lesen mit allen Bundesschlüssen.

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53. 2 Sonntag nach Weihnachten

© Alois van Doornick, Kalkar: Bild und Botschaft

82. „Ein Mensch trat auf“: Johannes-Fenster St. Peter und Paul Grieth, Friedrich Stummel-Schule und Werkstatt Derix Goch-Kevelaer 1904

(Evangelium Neujahr B Joh 1,1-18 oder 24.06.)

 

Im Bild

Trotz herber Kriegsbeschädigungen sind in der gotischen Griether Pfarrkirche bis auf die Chorfenster die neugotischen Kirchenfenster der Stummelschule von 1904 erhalten geblieben. In der hinteren Kapelle des rechten Seitenschiffs steht der Beichtstuhl korrelierend zum Umkehrruf des violett gewandeten Täufers Johannes im rückwärtigen Fenster. Im reichen weißen Dekor der Sündenreinheit blickt der Vorläufer Christi den Betrachter mit ernster, aber gewinnender Miene an. Im rechten Arm hält er die Siegesfahne mit dem „Ecce Agnus Dei“: „Seht das Lamm Gottes!“ Der fast mahnend erhobene Zeigefinger ist aber zum Glück abgeknickt im Verweis auf das Lamm, das einen auffälligen Heiligenschein mit Kreuz trägt und sich diesem Zeigefinger des Täufers zuwendet. Der Täufer steht auf einem gefliesten Podest zwischen schmalen Säulchen, über die sich oben wie ein Bild im Bild ein Kirchenfenster mit einem angedeuteten blauen Himmels im Spitzbogenfeld erhebt. Die Mittelachse erhält eine Betonung durch die sich bündelnde Fialen-Bekrönung im oben Teil des Fenstermaßwerks.

 

Die Botschaft

„Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt!“ ist der Leitgedanke in der Beichtkapelle der Griether Pfarrkirche parallel zum Aussendungsfenster mit dem Taufbefehl Jesu in der Taufkapelle in der rückwärtigen Kapelle des linken Seitenschiffs. Johannes trägt wie ein guter Hirte (und darin auch „Vorläufer“ Jesu) das Lamm am Herzen. Die blühenden Blumen mit hoffnungsgrünen Blättern und liebesroten Blüten auf den Ornamenten der weißen Reinheit sprechen von dem in der Beichte neu verliehenen Leben der himmlischen Gnade. Auch die blauen und goldenen Elemente im Fenster zeugen davon.

„Ein Mensch trat auf, sein Name war Johannes“ (Joh 1, 5) Der ausgestellte rechte Fuß erzählt vom Auftreten, der gerade Blick vom prophetischen Zeugnis. Die helle Umgebung des dunkel gewandeten Mannes spricht vom Licht, das mit Christus in die Welt kommt. Das weiße Lamm berichtet von der Unschuld, die Christus herstellt für den sündenbehafteten Menschen durch seine Ganzhingabe am Kreuz zur Zeit der Schlachtung der Pascha-Lämmer beim jüdischen Fest in Jerusalem: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.“ (Joh 1, 9)

Später sagt Johannes liebevoll über seinen Freund und Verwandten Jesus: „Ihr selbst seid meine Zeugen, dass ich gesagt habe: Ich bin nicht der Christus, sondern nur vor ihm her gesandt. Wer die Braut hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihn hört, ist voller Freude über die Stimme des Bräutigams. Diese Freude hat sich nun bei mir vollendet. Er muss wachsen, ich aber geringer werden. Er, der von oben kommt, steht über allen; wer sein Zeugnis annimmt, hat besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist. Denn der, den Gott gesandt hat, spricht die Worte Gottes; denn ohne Maß gibt er den Geist. Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben. Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben.“ (aus Joh 3, 30-36)

Dieser letzte Satz vom Besitz des ewigen Lebens jetzt schon im Zuge der Ergreifung des Glaubens, im Zuge der Umkehr in der Beichte, im Zuge der dankbaren Mitfeier der Eucharistie in der Kirche ist eine wunderbar deutliche Frohe Botschaft. In solchen Sätzen beim Evangelisten Johannes im Mund des Täufers Johannes verdichtet sich die Kernaussage des Christentums, zumal die Dreifaltigkeit aus Geist, Vater und Sohn hier aufgenommen ist.

In der Liturgie vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde dieser Text aus dem ersten Kapitel beim Evangelisten Johannes täglich am Ende der Messe als so genanntes Schlussevangelium vom Priester still gebetet. Es klang dann wie ein „Was ich noch sagen wollte“ oder „Vergesst nicht“. Die erste Seite des Johannesevangelium klingt wie ein Hymnus, wie eine Ouvertüre, wie ein Grundmotiv für alles, was kommt. Die Stichworte vom fleischgewordenen Wort und vom Licht und Leben dürfen Christen nicht aus dem Blick verlieren. Der Zeuge und Künder Johannes mit dem Lamm am Herzen steht im Bild da wie der Vater und stellt einen theologischen Grundgedanken klar: „Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (Joh 1, 17f.)

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54. Heilige Dreikönige

© Alois van Doornick, Kalkar: Bild und Botschaft

83. Der Kunde ist König. Anbetung der Könige im Hochaltar von St. Nicolai, Kalkar, Jan Joest, Öl-Gemälde auf Holz 1508

(Evangelium: Erscheinung des Herrn 6.01. Mt 2, 1-12)

 

Im Bild

Bildmittelpunkt ist das auch hier wieder nackte Kind, das im Gegensatz steht zu allen Kleider-machen-Leute-Besuchern. Über der im blauen Gewand aus den Visionen Birgittas von Schweden gekleideten Maria erhebt sich eine Ruine mit einer Mittelsäule zwischen zwei Fenstern. Durch diese und über halbhohen Mauern schauen die (in Porträts verwandelten?) „Zaungäste“ und tragen eine gelbe Fahne mit Georg und dem Drachen, eine rot-weiße und eine rote mit Halbmond und Sternen. Der anbetende rotblonde Mann im pelzgefütterten „Tabbert“ links betet, während jemand auf ihn einredet. Im Mittelhintergrund diskutieren die Hohenpriester und die Schriftgelehrten im rissigen Tempelraum und rechts schauen zwei „Hirten“ zu, die aber wie Künstler aussehen. Die drei Weisen aus drei Generationen mit ihren klassischen Gaben und Gewändern sind optisch weit stärker hervorgehoben als der wie in anderen Bildtafeln schmächtige Josef. Wie in Vorlagen aus Brügge oder Gent liegt der Königshut (oder Herzogshut) als Zeichen der Ehrerbietung mittig unten auf dem Boden und kennzeichnet die Mittelachse und auch die Erdzugewandtheit des Kindes. Die drei Geschenke bilden um das Kind ein Dreieck. Ochs und Esel, die Erinnerungen an Jes 1,3 („Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht“) schauen nur noch so gerade um die Ecke und „kennen ihren Herrn“.

 

Die Botschaft

„Dies ist mein geliebter Sohn!“ kann man über dieses Bild genauso setzen wie über das Abrahamsopfer des geliebten Isaak über und das Bild der Verklärung Christi unter diesem Gemälde von der Verehrung der drei Weisen im Altargesamtgefüge der „Sonntagsseite“. Küsst der alte König den „Leib Christi“ oder empfängt er auf dem weißen „Altartuch“ mit seinen Bügelfalten (!) bereits den Leib Christi in der Kommunion? Wir spüren hier überdeutlich, wie die Maler inspiriert waren von den biblischen Anklängen aus den Meditationen der „devotio moderna“, der einfühlenden Frömmigkeit im nahen, betenden Gespräch mit den biblischen Akteuren: Das „Haus Davids“ scheint als „Stall“ endgültig abgerissen zu werden, um „nach drei Tagen“ wieder aufgerichtet zu werden. Amos zitiert schon früh: „An jenem Tag richte ich die zerfallene Hütte Davids wieder auf und bessere ihre Risse aus, ich richte ihre Trümmer auf und stelle alles wieder her wie in den Tagen der Vorzeit. (Am 9, 11, vgl. Mt 27, 40 „Tempel seines Leibes“)

Zum Kind schwingen Bibeltexte mit wie: „Er ist der treue Zeuge, der Erstgeborene der Toten, der Herrscher über die Könige der Erde. Er liebt uns und hat uns von unseren Sünden erlöst durch sein Blut; er hat uns zu Königen gemacht vor Gott, seinem Vater.“ (Aus Offb 1, 4-8) Dass durch das Kind der Mensch, also der „Kunde“ König wird, findet man auch z.B. so: „Würdig bist du, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen; denn du hast mit deinem Blut Menschen für Gott erworben aus allen Nationen und Völkern, und du hast sie für unsern Gott zu Königen und Priestern gemacht; und sie werden auf der Erde herrschen.“ (Aus Offb 5, 9-14) Und für uns Christen, auf die Gott bauen will: „Wer siegt, den werde ich zu einer Säule im Tempel meines Gottes machen. Und ich werde auf ihn den Namen meines Gottes schreiben.“ (Offb 3, 12)

Wir sind hier der vierte König! Der Maler öffnet den Halbkreis, um uns einzuschließen und anzusprechen. Das ist mehr als nur eine Einladung, die wir ablehnen oder annehmen können: Hier hat Gott Neues gesetzt und uns allen eine neue Existenz „aufgebaut“, über die ER entschieden hat, womit er uns „geheiligt“ hat! Da spricht die Rechtfertigungstheologie sich schon vor Luther aus: Aus Gnade sind wir gerettet (Röm 3, 24; Eph 2, 4-8)!

Die Frage an uns ist: Wie können wir unser Königsein leben? Die Anbetung und der Sakramenten-Empfang sind wichtig, aber auch „die Fahne hoch zu halten“ für den Glauben. Aus Zuschauern und Zaungästen zu Tätern des Glaubens zu werden. Nicht bei frommen Liedern und kuscheligen Stimmungen, bei jährlichen Familientreffen und genüsslichen Mahlzeiten zu bleiben, sondern als Menschen mit Potential für die uns Anvertrauten wie ein König für seine Leute gut zu sorgen, es möglichst vielen recht und gerecht machen … Gesucht sind „Säulen“ in der Gemeinde, Gabenbringer und spendable Christen, die für die Menschen im „verwundeten Leib Christi“ Heilendes und mehr als „Salbungsvolles“ beitragen, jeder mit den Talenten und Schätzen, mit denen wir ausgestattet sind. Wir haben ja acht Tage vor Jahresbeginn genug „Weihnachtsgeld“ bekommen! Und den hohen Hut legen wir besser auch ab.

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55. Taufe des Herrn

51. Eingetaucht in diese Welt. Taufe Jesu im Jordan, Hochaltar St. Nicolai Kalkar, Ölgemälde auf Holz, Jan Joest, 1508

(Evangelien Fest der Taufe Christi ABC Mt 3, 13; Mk 1, 7-11; Lk 3, 29; Joh 1, 29; Versuchung Jesu 1. Fastensonntag Mt 4; Lk 4)

 

Im Bild

Der in das rote Märtyrergewand eingehüllte Täufer Johannes erhebt am Jordan seine Hand über dem unter der Sündenlast der Menschen „eingeknickten“ und zum Vater und zum Geist betenden Jesus. Über dunklen Wolken zeigt sich der Vater oberhalb einer grün-bewaldeten hügeligen Landschaft mit Felsen und der Stadt Jerusalem im Hintergrund. Die neue Öltechnik ermöglicht die Wasserbewegungen und das abtropfende Wasser sichtbar zu machen. Zudem sind die feinen Haar- und Gewandstrukturen sowie die Details der Pflanzenwelt beachtenswert. Die göttliche Umkehrbotschaft des Täufers verstärkt der wunderbar gefiederte Engel im „Himmelsblau“, der nach der Taufe das königspurpurne Gewand „ohne Naht“ anreicht, das Jesus auf allen Bildern trägt. Hineinverwoben in das Bild zum Fest der Taufe Christi ist die Thematik der Versuchung Jesu: Rechts diskutiert er in abwehrender Geste mit dem Teufel, der einen Hahnenfuß unter dem Gewand trägt. Beide sind auch auf dem Jerusalemer Tempel und auf der Bergspitze in Kleinformat zu sehen. Auf dem Berg gesellen sich bereits Engel zu Jesus, während der Teufel schon in den Abgrund flieht.

Nicht zum ersten Mal ist in der heraldisch starken linken Seite das göttliche Wirken und das Werk des Täufers zu sehen, wobei die Trennung zur rechten Bildhälfte deutlich abgesetzt ist und nur durch die Täuferhand durchschnitten wird. Das markante Rot des Täufers wird durch den von rechts kommenden Lichteinfall des Heiligen Geistes ausgeglichen genauso wie in den Größenverhältnissen erst die Taube den Höhenausgleich herstellt.

 

Die Deutung

Das Eintauchen Gottes in die sündige Erdenwelt zieht hier buchstäblich Kreise. Die helle Bildseite drückt auf die dunkle rechte, wo der Teufel aufmarschiert. Dieser hat im Engel am linken Bildrand ein Pendant, wobei der Flügel auf den Himmel und den Vater zurückverweisen. Die anbetenden Hände Jesu zeigen auf das Täuferwort („Kehrt um!“ – „Seht das Lamm Gottes!“) sowie auf den Engel, den Geist und den Vater. Die erhobene Hand des Täufers hat auch etwas von Moses Handbewegung über das Meer beim Auszug aus Ägypten, was in der Väterliteratur und in der Osternacht ein Vorbild der Taufe auf dem Weg in die „Freiheit der Kinder Gottes“ ist. Jesus bahnt im Roten Meer für die Menschen den Weg ins gelobte Land des Gottesreiches.

Die Frage ist, woher Jan Joest, der ja hier seinen Namenspatron markant abbildet, die Idee der Kombination der Versuchungsgeschichte mit der Taufszene hat. Die drei Versuchungen (Steine zu Brot/Sturz vom Tempel/Anbeten des Teufels) bezeichnen in der großartigen literarischen Fassung der Geschichte vom Großinquisitor in F. M. Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ die Sünde der Versuchung zur Gier nach Reichtum, zur Macht und zum Gottgleichsein als Urtriebe zur Sünde des Menschen. Die Bedeutung der Taufe (und Beichte) als Herausnahme aus der Sündenlogik und der Erbschuld kann Jan Joest so ins Bild setzen. Die kleine Taube über Jesus kennzeichnet den Messias als den „der mit dem Heiligen Geist tauft“ (Joh 1, 33).

Das Bild spricht davon, dass Jesus uns mit göttlichem Geist ausstattet, dass die Kirche in Jesu Geist handelt und der Christ „größere Werke“ tut: „Denn der Vater liebt den Sohn und zeigt ihm alles, was er tut, und noch größere Werke wird er ihm zeigen, sodass ihr staunen werdet.“ (Joh 5, 20) und „Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen und er wird nochgrößere als diese vollbringen, denn ich gehe zum Vater.“ (Joh 14, 12)

 

Der Großinquisitor wirft Jesus vor, den Menschen zu viel Freiheit gegeben zu haben, auch die Freiheit zur Sünde:

„Statt dich der Freiheit der Menschen zu bemächtigen, hast du sie vermehrt. Du wolltest, der Mensch solle in Freiheit lieben, damit er – von dir verzaubert und gebannt – dir freiwillig folge. Statt nach dem festen alten Gesetz sollte der Mensch hinfort in der Freiheit des Herzens selbst entscheiden, was gut und was böse ist, und nur dein Vorbild als Richtschnur haben. … Hast du nicht daran gedacht, dass der Mensch schließlich sogar dein Vorbild und deine Wahrheit ablehnen und bestreiten wird? Auf diese Weise hast du selbst die Zerstörung deines Reiches angebahnt, miss also niemand anderem die Schuld daran bei!“ (aus: F.M. Dostojewski, Die Brüder Karamasow)

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56. 2. Sonntag im Jahreskreis

© Alois an Doornick, Bild und Botschaft

89. Der kleine Bruder. Andreasfigur in St. Nicolai Kalkar, Eiche, aus der Werkstatt des Ludwig Juppan ca. 1508

(Evangelium Fest 30.11. oder Joh 1, 35-42)

 

Im Bild

Die ausdrucksvolle Figur des Bruders des Petrus neben dem SiebenSchmerzen-Altar in St. Nicolai ist mit vielen Fassungsresten gut erhalten. Der Heilige blickt versonnen über die geöffnete Bibel hinweg. Im linken Arm trägt er das Zeichen seiner Unterscheidung unter den Zwölf: Das uns vom Bahnübergang bekannte Andreaskreuz bezeichnet gleichzeitig den griechischen Buchstaben „Chi“ (X) für Christus, dessen erster Apostel Andreas nach dem Johannesevangelium wurde. Zudem steht es für die Form seiner christus-ähnlichen Hinrichtung als Märtyrer für den Glauben. Seine linke Hand hebt das Gewand ein wenig an wie um das Kreuz hervorzuheben oder es aus Ehrfurcht nicht mit den Händen berühren zu müssen wie es häufig auch bei Aposteln mit der Bibel geschieht. Die Figur entstammt dem ehemaligen Sebastianus-Altar, wo sie bis 1818 stand. Gold des Himmels und Rot des Martyriums kennzeichnen seine Kleidung. Bart, Haare und Kopfbedeckung unterstützen den meditativen, nachdenklichen Ausdruck.

 

Die Botschaft

Manche Geschwister leiden unter der Bekanntheit ihres Bruders: Vielleicht ging es Andreas mit seinem Bruder Simon genauso. Immerhin beschreibt Johannes im Gegensatz zu den drei anderen Evangelisten die Reihenfolge der Jüngerberufung so, dass Andreas ein Jünger des Täufers Johannes war: Von Jesus angesprochen „Was sucht ihr?“ antwortet er: „Rabbi, wo wohnst du?“ und sie folgen Jesus („Kommt und seht!“) und sehen erst einmal nach, wo er in Betsaida am See Genesareth wohnt. Dann trifft er seinen Bruder und bringt Simon zu Jesus, der ihn gleich Kephas/Petrus/Fels nennt (Joh 1, 42b). Dabei darf man nicht übersehen, dass Andreas von allen der Erste ist, der von Jesus gleich überzeugt sagt: „Wir haben den Messias gefunden!“ (Joh 1, 41) Einfühlsam beschreibt der Evangelist also die Kennenlernszene zunächst mit einem Abklopfen der Umgebung, mit alltäglicher Neugier und normalen Umständen. Immer wieder beschreibt der Evangelist im Laufe seines Evangeliums, wie Alltagsdinge zu tiefen Gesprächen und zu der tiefen Erkenntnis führen: „Du bist der Christus!“

Wenn auch Andreas in den Apostellisten vielleicht nur wegen seines großen Bruders meist an zweiter Stelle genannt wird, kommt er im Johannesevangelium noch an zwei weiteren wichtigen Stellen vor: Bei der Brotvermehrung macht er immerhin halb ungläubig einen praktischen Vorschlag: „Hier ist ein kleiner Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; doch was ist das für so viele?“ (Joh 6, 9) Und als griechische Pilger beim Paschafest in Jerusalem unbedingt Jesus sprechen wollen, lässt er sich mit Philippus auf die Vermittlungsrolle ein: „Philippus ging und sagte es Andreas; Andreas und Philippus gingen und sagten es Jesus.“ (Joh 12, 22)

Drei Mal wird eine Rolle deutlich, die ein Jünger übernimmt: „Und er führte ihn zu Jesus.“ (Joh 1, 42a) Er führt Petrus zu Jesus. Er bringt den kleinen Jungen mit dem Brot und dem Fisch zu Jesus und er verhilft den Griechen zur Jesusbegegnung. Somit bekommt das Apostelamt hier eine sehr dienende Funktion: Er ist nicht der Gottes Wahrheiten Verkündende und zu Gottesgehorsam Rufende, der Wissende und Maßgebende, sondern der, der Menschen in selbstständigen Kontakt zu Jesus bringt. Dies ist vielleicht auch in der Haltung der Bibel ausgedrückt, die er in der Kalkarer Figur offen uns hinhält: „Lest selbst! Macht euch selbst ein Bild von Jesus! In der Bibel kommt ihr selbst mit Jesus in Kontakt!“ Und sein Blick auf das Bibelwort unterstützt dieses Anliegen: „Hier steht es, ich habe Jesus selbst erlebt!“

„Andreas“ heißt im Griechischen: „Der Männliche“. Er hat den Mut, nicht sich selbst in den Vordergrund zu stellen, sondern nur der „Kontaktmann“ zu sein. Voraussetzung ist, dass er selbst fasziniert ist, dass er selbst seine Jesusbegeisterung nicht versteckt. Und dann anderen die Möglichkeit zu Eigenentdeckung zu geben. Räume zur Glaubenserfahrung zu öffnen ist Aufgabe der Pfarrgemeinde. Nicht Wissensvermittlung, sondern behutsam Begegnungsräume, Gelegenheiten zur Gotteserfahrung zu eröffnen. Dabei ist nicht nur die Liturgie Raum der Gotteserfahrung: Manche finden Gott, finden Jesus gerade an gottfernen Stellen, in karitativem oder sozialem Tun, im Gespräch mit „Fernstehenden“. Die Handbewegung des Apostels Andreas in St. Nicolai zeigt Offenheit an, Gelassenheit, Nachdenklichkeit. Er ist einer, der etwas erfahren hat, aber das nicht aufdrängt, sondern höchstens einlädt, selbst eigene Erfahrungen zu machen. Und das ist in der Pädagogik kein schlechtes Verfahren. Wie sagte Jesus: „Kommt und seht!“ (Joh 1, 39)

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